Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt in der Jugendarbeit

Seit Oktober 2025 läuft die vom Evangelischen Kirchenkreis Bielefeld beauftragte Studie zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt in der ehemaligen Jugendarbeit der Gemeinde bzw. der Nachbarschaft 06. Durchgeführt wird sie von dissens e.V., einem unabhängigen Institut für Bildung und Forschung.

Ein wesentlicher Bestandteil der Studie sind Interviews, die von den Mitarbeitenden von dissens e.V. geführt werden. Dr. Johanna Hess und Malte Täubrich sprechen mit ehemaligen Jugendlichen, mit Menschen, die damals Verantwortung getragen haben, und mit Personen, die ihre Perspektive auf die damalige Zeit und die Strukturen der Jugendarbeit einbringen können. Diese Gespräche helfen, genauer zu verstehen, was geschehen ist, welche Bedingungen eine Rolle gespielt haben und welche Verantwortung daraus für Gegenwart und Zukunft erwächst.


Die Interviews bringen auch in der Gemeinde etwas in Bewegung. Menschen erzählen von ihren Gesprächen mit dissens e.V. Sie berichten, dass es wichtig und gut war, Erfahrungen und Erinnerungen auszusprechen, Dinge zu benennen und gehört zu werden. Manches, was lange nicht oder nur wenig zur Sprache kam, wird dadurch neu geteilt — auch uns Pfarrerinnen gegenüber.
Das ist nicht leicht. Und zugleich zeigt es, wie wichtig es ist, aufmerksam zu bleiben, zuzuhören und hinzusehen. Aufarbeitung bedeutet für uns, Verantwortung ernst zu nehmen und bereit zu sein, aus dem, was sichtbar wird, zu lernen.


Dieser Prozess braucht Zeit. Für Betroffene, ehemalige Jugendliche und viele andere ist er mit schmerzhaften Erfahrungen verbunden. Deshalb wollen wir behutsam, aufmerksam und respektvoll mit diesem Thema umgehen. Die Aufarbeitung ist für uns kein abgeschlossener Punkt, sondern eine Aufgabe, die die Gemeinde weiter begleitet.
Die Ergebnisse der Studie sollen Mitte des kommenden Jahres vorgestellt werden. Bis dahin bleibt es wichtig, im Gespräch zu bleiben und alles dafür zu tun, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene Kirche als einen sicheren und vertrauenswürdigen Ort erleben können.

 

Fälle sexualisierter Gewalt in der ehemaligen Jugendarbeit unserer Gemeinde

Im Sommer 2021 wurde dem Superintendenten des Kirchenkreises gemeldet, dass einem Mitarbeiter der Evangelischen Jugend Bielefeld Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung von Schutzbefohlenen vorgeworfen wird. Der Kirchenkreis reagierte umgehend, er stellte den Beschuldigten unverzüglich vom Dienst frei, wenig später wurde das Arbeitsverhältnis beendet und Strafanzeige gestellt. Da der Jugendmitarbeiter in unserer Gemeinde tätig war, wurde das Presbyterium informiert. Der Beschuldigte musste die Schlüssel abgeben und erhielt Hausverbot. Personen, die in der Gemeinde die Jugendarbeit mitgestaltet und verantwortet haben, wurden aus der Verantwortung genommen, ebenso das Jugendkuratorium. Die Presse wurde informiert, zunächst ohne Angabe, in welcher Gemeinde der Mitarbeiter tätig war. Dieses geschah, um das juristische Verfahren nicht zu gefährden.

Das allerdings erwies sich als große Belastung für die Gemeinde, vor allem aber für die Betroffenen. Einige ehemalige Jugendliche schlossen sich zusammen und forderten Transparenz, Prävention und Bitte um Verzeihen.

Seit Dezember 2022 sind Superintendent und Pfarrerinnen im Gespräch mit ehemaligen Jugendlichen. Gemeinsam arbeiten wir an der Aufarbeitung des Geschehenen. Für Gemeinde- und Kirchenkreis-Leitung ist eindeutig, dass Grenzverletzungen und Übergriffe stattgefunden haben. Im Juni 2025 fand der Strafprozess zur juritischen Bewertung der Geschehnisse statt. Der ehemalige Mitarbeitende hat die Vorwürfe vollumfänglich gestanden und ist zu einer Freiheitsstrafe von 1 Jahr und 11 Monaten verurteilt worden, die auf eine Bewährung von 4 Jahren ausgesetzt worden ist. 

Darüber hinaus wird eine Studie eines unabhängigen Institutes (Dissens Institut für Bildung und Forschung e.V.) durchgeführt, um das Geschehene zu analysieren. Uns ist wichtig zu verstehen, wie die Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung möglich war, warum niemand eingegriffen und wie wir Kinder und Jugendliche in Zukunft besser schützen können.

Wir wollen lernen aus dem, was geschehen ist. Und wir bitten die um Verzeihung, die in dieser Gemeinde zu Schaden gekommen sind. Jugendliche wurden nicht ausreichend geschützt. Sie konnten pädagogisches Fehlverhalten, Grenzverschiebungen und Machtmissbrauch nicht durchschauen. Sie hätten Unterstützung gebraucht, sie hätten geschützt werden müssen. Und sie hätten in der Aufarbeitung früher und eindeutiger hören müssen, dass wir ihnen glauben.

 

Schutzkonzept zur Prävention sexualisierter Gewalt

In der Ev. Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde wurde ein Schutzkonzept zur Prävention sexualisierter Gewalt entwickelt. 

Unser Schutzkonzept soll sichere Räume für alle Menschen, insbesondere für Kinder und Jugendliche schaffen. Es umfasst Maßnahmen und Regeln, die Risiken vorbeugen und Schutz vor sexualisierter Gewalt, Missbrauch und Diskriminierung bewirken sollen. 

Ausgangspunkt des Konzeptes ist die Risiko- und Potentialanalyse, die den gegenwärtigen Ist-Zustand abfragt und die Einschätzung und Wahrnehmung von Veranstaltungsteilnehmenden sowie haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden widerspiegelt. Ein herzliches Dankeschön nochmal an alle, die an den Umfragen teilgenommen haben und uns somit bei der Erstellung geholfen haben.

Das Schutzkonzept der Ev. Dietrich-Bonhoeffer-Kirchengemeinde und der Ev. Jugend Nachbarschaft 06 ist hier zu finden: Schutzkonzept zur Prävention sexualisierter Gewalt

Ansprechstellen für Betroffene sexualisierter Gewalt

BetroffenenNetzwerk BeNe: Von Betroffenen für Betroffene https://betroffenen-netzwerk.de/

Ansprechstelle der Ev. Kirche von Westfalen: Pfarrerin Dr. Britta Jüngst, Telefon: 0151 57659323, Email: britta.juengst@ekvw.de

mannigfaltig Minden-Lübbecke e.V.: 0571 8892684, Email: info@mannigfaltig-minden-luebbecke.de

Wildwasser Bielefeld e.V.: Telefon: 0521 175476, Email: info@wildwasser-bielefeld.de

Präventionsfachkraft im Ev. Kirchenkreis Bielefeld:

Manuela Kleingünther, 0521 5837136, Email: manuela.kleinguenther@kirche-bielefeld.de

 

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