Ev. Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde Bielefeld Matthäuskirche

Predigtreihe Schöpfung, Teil 3

Die Vertreibung aus dem Paradies, 1. Mose 3

Pfarrer Gerhard Sternberg 

am 26.8.2018 in der Matthäuskirche

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Schwestern und Brüder,

bei den Bildern zum Psalm 8 haben wir einige wilde Tiere gesehen. Sie machten Menschen zu allen Zeiten Angst.
Doch ein Tier, vor dem die Angst noch größer war, ist nicht dabei gewesen: Die Schlange.
Die großen Tiere sah man von weitem, vor ihnen konnte man flüchten, sich eventuell gegen sie sogar verteidigen. Doch eine Giftschlange merkte man meist erst, wenn sie gebissen hatte – und dann war es in den Zeiten vor der Entwicklung von Gegengiften meist zu spät. Es gab keine Rettung mehr!
Warum gibt es diese „Feindschaft“ zwischen Mensch und Schlange? Warum müssen wir Menschen hart arbeiten, um uns ernähren zu können. Warum ist eine Geburt so schmerzhaft? Warum schämen wir uns im Unterschied zu den Tieren unseres nackten Körpers. 

Heute geben uns die verschiedenen Wissenschaften – Biologie, Psychologie, Soziologie und viele andere - Antworten auf solche Fragen.
Früher erzählte man Geschichten, sogenannte Ätiologien, die den Menschen ihre Antworten auf solche Fragen gaben.
Eine solche Ätiologie ist die ganze Schöpfungsgeschichte mit Adam und Eva und damit auch unser Predigttext heute über die Vertreibung aus dem Paradies.
Ich werde später darauf zurückkommen, welche Folgen diese Feststellung für unsere Überlegungen hat.

Andreas Smidt-Schellong hat letzte Woche gesagt: Gott setzt den Menschen in den Garten Eden. Er schenkt ihm Freiheit und die Fähigkeit, ihn zu bebauen und zu bewahren.
An dieser Stelle wird in Bezug auf den Garten Eden schon ein großes Missverständnis deutlich: Viele von uns Menschen heute setzen in der eigenen Vorstellung den Garten Eden, das Paradies, mit einer Art Schlaraffenland gleich, in dem der Mensch sich einfach so bedienen kann, ihm sprichwörtlich die Trauben in den Mund wachsen. Doch das wird in unserer Schöpfungsgeschichte an keiner Stelle behauptet. Es heißt von Anfang an, dass der Mensch die Aufgabe hat, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren. Und den damaligen Bewohnern des Wüstenlandes Israel ist klar, dass das harte Arbeit und kein Schlaraffenland ist. 

Der Mensch im Garten Eden hat von Anfang an auch eine große Verantwortung übertragen bekommen. Gott beauftragt den Menschen damit, den Tieren Namen zu geben. In der Schöpfungserzählung mit den 7 Tagen waren die Tiere unabhängig vom Menschen, ja sogar vor dem Menschen geschaffen worden. Ganz geordnet in Gattungen Fische, Vögel, Landtiere. Dort sind die Tiere also unabhängiger Teil der Schöpfung Gottes. 

In unserer Geschichte, die letzte Woche begonnen hat, versucht Gott, durch die Erschaffung der Tiere einen Partner für den Menschen, den Adam, zu machen, führt sie zu ihm und gibt dem Adam den Auftrag, sie zu benennen. Hier gehören die Tiere also zur Menschenwelt und Adam wird beauftragt, sie durch die Namensgebung seiner Welt zuzuordnen. Dadurch bekommt der Mensch eine besondere Verantwortung für die Tiere, sein Auftrag des Bebauens und Bewahrens schließt auch die Tierwelt mit ein.

Doch unter den Tieren war kein Partner für Adam – und so schafft Gott die Frau – aus einem Teil von Adam. Eva ist kein unabhängiges Gegenüber, wie es jedes der Tiere gewesen wäre, sondern beide sind ein Bein, ein Fleisch. Beide sind gleich. Für mich ist an dieser Stelle schon die Gleichberechtigung von Mann und Frau angelegt. 

Beide haben gemeinsam ihren Auftrag – sie sollen bebauen und bewahren - und beide sind nackt – wie die Tiere – und schämen sich nicht – ebenfalls wie die Tiere.
Doch sie bekommen nicht nur einen Auftrag, sie erhalten nicht nur eine ganz große Freiheit, sie bekommen von Gott auch eine Grenze gesetzt: Von allen Früchten dürfen sie essen – nur nicht von der Frucht vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.

Und hier setzt nun unser heutiger Teil der Geschichte ein.

Eines der Tiere – die listige Schlange – spricht mit Eva über dieses Verbot, diese Grenze, die dem Menschen gesetzt ist.
„Ihr werdet keineswegs des Todes sterben sondern Gott weiß: an dem Tag, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“
Die Schlange hinterfragt die von Gott gesetzte Grenze – mehr nicht! Keine große Überredung, keine große Verführung. Einfach nur eine Behauptung.
Und Eva sieht die verlockende Frucht, die klug macht und isst davon, ebenso wie Adam, der die ganze Zeit dabei war und alles mitbekommen hat – also keinesfalls unwissend von Eva verführt wurde. Beide haben sich entschlossen, die von Gott gesetzte Grenze zu überschreiten.
Und sogleich fällt ihnen auf, dass sie nackt sind, sie schämen sich voreinander und machen sich aus Feigenblättern Lendenschurze.
Für mich drückt dieses neu erwachte Schamgefühl keine religiöse Leibfeindlichkeit aus, die oft daraus hergeleitet wird, sondern ist in unserer Geschichte ein Symbol für die neue Entwicklungsstufe, die der Mensch durch das Essen der Frucht erreicht hat. Ab diesem Zeitpunkt nimmt der Mensch sich selbst in neuer Weise wahr, unterscheidet sich dadurch von den Tieren, die kein Schamgefühl haben.
So deute ich es auch, dass im folgenden Gespräch zwischen Gott und Adam Gott durch das Schamgefühl Adams weiß, dass er vom Baum der Erkenntnis gegessen hat. Und Gott stellt Adam zur Rede.
Und was nun kommt ist – leider – nur allzu menschlich: Keiner ist bereit, die Verantwortung für das Essen der Frucht zu übernehmen. Adam beschuldigt die Frau, die Gott ihm gegeben hat - durch diesen Nachsatz also sogar indirekt Gott selber. Die Frau beschuldigt die Schlange, die sie betrogen habe. 

Unsere Tradition sieht in der Schlange das Böse, manche setzen sie sogar mit dem Satan gleich – doch unsere Geschichte selbst macht das nicht. Dort ist nur von der Schlange selbst die Rede. Und auch nicht von einem Betrug durch die Schlange.


Auf jeden Fall fällt Gott nicht auf die Ausreden herein sondern zieht Konsequenzen:
Er verflucht die Schlange, die von den anderen Tieren ausgeschlossen wird und setzt die Feindschaft zwischen Mensch und Schlange. Die Schlange wird beißen, der Mensch wird ihren Kopf zertreten. Die Schlange fällt durch diesen Fluch also aus dem Schutzauftrag des Menschen heraus, den der Mensch durch die Namensgebung erhalten hat.
Auch die Menschen bekommen Konsequenzen zu spüren, wobei sie jedoch nur bestraft, nicht verflucht werden: Die Geburt wird schmerzhaft für die Frau, die ein sexuelles Verlangen nach dem Mann verspüren wird, der jedoch ab nun ihr Herr ist. Die ursprüngliche Gleichberechtigung wird aufgehoben.
Und die Arbeit des Mannes wird schwerer. Zu dem Bebauen und Bewahren der Ackerfrüchte kommt nun das Wachstum von Dornen und Disteln hinzu, was die Arbeit sehr erschwert. „Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen“.
Und Gott verweist beide aus dem Garten Eden.

Auch in dieser Geschichte haben wir – wie auch in der Schöpfungsgeschichte mit den 7 Tagen, mehrere Erzählstufen, die miteinander verwoben wurden. Die Vertreibung aus dem Garten Eden war vermutlich die Konsequenz in der ursprünglichen Erzählstufe, später kamen dann die Strafen für Schlange, Mann und Frau hinzu. 

Auf die Vertreibung aus dem Paradies läuft also unsere ganze Geschichte hinaus. 

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht ist ihnen aufgefallen, dass ich bislang nie vom Sündenfall gesprochen habe. Obwohl in der Theologie vergangener Jahrhunderte viel von der Bedeutung des Sündenfalls gesprochen wurde und – besonders in der katholischen Theologie -  mit der Lehre von der Erbsünde sehr vieles begründet wurde, kann ich unsere Geschichte nicht als einen „Sündenfall“ sehen. 

Ein „Sündenfall“ setzt voraus, dass es historisch einen individuellen Adam und eine individuelle Eva gegeben hat, deren Verfehlung auf ihre Nachfahren übertragen wurde. Dies ist eine spätjüdische Deutung, die von der frühchristlichen Theologie übernommen wurde.

Ich sehe es eher so, dass Adam und die Frau in unserer Erzählung als Repräsentanten der von Gott geschaffenen Menschen gesehen werden.

Und dann bekommt die Vertreibung aus dem Garten Eden einen ganz neuen, ganz eigenen Sinn!

Doch schauen wir erst einmal, wie es in unserer Erzählung weitergeht:
Nach der Verkündung der Strafen fährt unsere Erzählung unbeeindruckt und unbekümmert fort: „Und Adam nannte seine Frau Eva, denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.“ Adam zeigt keinerlei Reaktion auf die „Strafen“.
Und dann kommt etwas total Verwunderliches: Gott, der eben noch Strafen ausgesprochen hat, macht für Adam und Eva Kleidung und zieht sie ihnen an. Beide fallen also trotz der Vertreibung aus dem Garten Eden nicht aus Gottes Fürsorge heraus! Sie dürfen nur nicht mehr in unmittelbarer Nähe zu ihm im Garten Eden leben. Das direkte Reden, die direkte Begegnung mit Gott hat ein Ende. Aber nicht die Beziehung des Menschen zu Gott.

Und dann sagt Gott in unserer Erzählung: „Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist“ und begründet die Vertreibung damit, dass er verhindern will, dass der Mensch auch noch vom Baum des Lebens isst und ewiglich lebe.

Ich drücke es einmal mit meinen eigenen Worten aus: Der Mensch ist zu dem geworden, als das Gott ihn geschaffen hat: Zu dem Gegenüber, von dem der erste Schöpfungsbericht erzählt hat. Der Mensch ist erwachsen geworden, er hat die Fähigkeit erlernt, Gut und Böse zu unterscheiden und kann nun selbstverantwortlich leben.
Im ersten Teil unserer Erzählung von letzter Woche stand als vorletzter Satz: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen und sie werden sein ein Fleisch.“
Und genau das ist meiner Meinung nach hier in unserer Geschichte passiert: Der erwachsene Mensch – Frau und Mann –, die erwachsene Menschheit,  ist nicht mehr auf den Schutzraum „Garten Eden“, auf die unmittelbare Nähe zu Gott, seinem Vater, angewiesen. Er wird aus dem „Hotel Mama“ oder „Hotel Papa“ herausgeworfen und kann und muss nun selbst für sein Leben sorgen. Der Mensch hat sich endgültig über das Tier hinausentwickelt, er lebt nicht mehr instinktiv, sondern kann und muss seine Tun und Lassen ethisch verantworten, denn er kann nun Gut und Böse unterscheiden. Er lebt nun in der Welt, jedoch nicht ohne auch weiterhin den Beistand Gottes zu haben: Gott macht ihm die erste Kleidung!

Liebe Schwestern und Brüder, 

ich möchte noch einmal kurz auf die am Anfang der Predigt erwähnten Ätiologien zurückkommen:
Mit unserer Schöpfungserzählung, die etwa um 1000 vor Christus entstanden ist, möchte der sogenannte Jahwist – er wird so genannt, da er als Gottesbezeichnung den Namen Gottes „Jahwe“ benutzt - seinen Mitmenschen eine Erklärung liefern, warum die Welt so ist, wie sie ist. Er möchte Antworten geben auf viele Warum-Fragen, nicht nur auf die Frage nach der Feindschaft zwischen Mensch und Schlange: Warum leben wir nicht mehr im Paradies? Warum haben wir es in vielen Lebensbereichen so schwer? Warum handeln Menschen mal gut mal böse? – um nur einige zu nennen.

Es ging dem Jahwisten nicht darum, ein historisches Ereignis vom Anfang der Zeit nachzuerzählen, sondern darum, seinen Zeitgenossen damals Antworten zu geben.
Manches davon ist zeitgeschichtlich zu sehen – zum Beispiel die Herrschaft des Mannes über die Frau.
Anderes ist zeitlos gültig, zum Beispiel der Auftrag des Menschen, die Erde zu bebauen und zu bewahren.

Vor allem aber war dem Jahwisten wichtig: Auch wenn wir Menschen aus dem Garten Eden vertrieben sind und nicht mehr dort hineinkommen, hat Gott uns nicht verlassen. Wir haben die Freiheit, uns nach seinem Willen oder gegen seinen Willen zu entscheiden, doch er sorgt noch immer für seine Menschen, so wie er uns mit Kleidung für unser Leben außerhalb des Garten Edens ausgerüstet hat. 

Wir sind aus dem Garten Eden vertrieben – aber Gott ist – bildlich gesprochen - mit uns aus dem Garten Eden herausgekommen. 

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.