Ev. Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde Bielefeld Matthäuskirche

Predigtreihe Schöpfung, Teil 2

Der Mensch im Paradies, 1. Mose 2,4b-25

Pfarrer Andreas Smidt-Schellong 

am 19.8.2018 in der Matthäuskirche

Liebe Gemeinde!

Heute folgt der zweite Teil unserer sommerlichen Predigtreihe über biblische Schöpfungsgeschichten. Am letzten Sonntag ging es bei meinem Kollegen Gerhard Sternberg um 1. Mose 1, die Erschaffung der Welt in sieben Tagen. Heute haben wir das Kapitel über den Paradiesgarten Eden vor uns. Und die Fortsetzung, wie es den beiden ersten Menschen Adam und Eva dort weiter ergeht, welche Erfahrungen sie mit Gott machen, davon hören wir nächsten Sonntag. Das ist der Bogen über die drei Geschichten. Zuerst ein kurzer Rückblick:

„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Mit diesen bekannten Worten geht es los. „Und die Erde war wüst und leer.“ Und finster. Da tritt Gott als Schöpfer in Erscheinung. Genauer gesagt als Sprecher. Denn jeder Schöpfungstag wird eingeleitet mit der Formulierung „Und Gott sprach“. Die Schöpfung wird initiiert durch sein Wort! Erst danach folgen die einzelnen Schöpfungshandlungen Gott machte, Gott trennte zwischen dem einen und dem anderen, Gott schuf dieses und jenes, und an zwei Stellen dann auch „Gott segnete“ (Verse 22 und 28).

Aus dem Chaos wird Ordnung. Aus dem wüsten und leeren und finsteren Urzustand schafft Gott die Bedingungen, dass das Leben auf der Welt möglich ist. Als zeitliches und räumliches Gegenüber schafft er Licht und Dunkel, den Rhythmus von Tag und Nacht, Himmel und Erde, Wasser und Land.

Aus dem Chaos entsteht Ordnung. So sind die Voraussetzungen erfüllt, die ein Überleben von Mensch und Natur möglich machen.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, Tag für Tag kommt Neues hinzu. Eine reiche, bunte, kreative Artenvielfalt von Lebewesen entsteht. Alles wird sinnvoll geordnet. Und ist zugleich individuell: „Ein jedes nach seiner Art“ heißt es am Anfang der Bibel gleich zehn Mal. Am 6. Tag sagt Gott zu seinen himmlischen Heerscharen: „Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei.“ (Vers 26) Ein Bild, das uns gleich sei! Der Mensch, ganz ähnlich wie Gott. Eine Nachbildung, die sich auch darin spiegelt, dass der Mensch Verantwortung übernehmen soll für alles, was ihm hier anvertraut wird. Er soll darüber herrschen – wörtlich heißt es Aufsicht führen – über Fische, Vögel, Vieh, Tiere, Gewürm. Gott traut den Menschen eine Menge zu... Und wie an jedem Schöpfungsabend gibt er auch hier sein Gütesiegel: „Er sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (Vers 31).

Von hier aus steigen wir jetzt  in die zweite Schöpfungsgeschichte ein, in unseren Text für heute. Und wir werden sehen, welche anderen Schwerpunkte hier gesetzt werden.

Es war zu der Zeit, da Gott der Herr Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. (…) Und kein Mensch war da, er das Land bebaute.“ (2,4b-5)

Kein Baum, kein Strauch, kein Kraut, kein Tropfen Wasser. Zuerst wird erzählt, was alles nicht da ist. Nicht da sein kann. „Denn Gott der Herr hatte noch nicht regnen lassen auf Erden.“ Nur „ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. So wurde der Mensch ein lebendiges Wesen.“ (V 6-7)

In dieser Geschichte ist die Reihenfolge anders herum. Zuerst wird der Mensch erschaffen, danach die Pflanzen und Tiere. Der Mensch, Adam, als Gattungsbegriff – von Eva ist an dieser Stelle noch nicht die Rede – ist Gottes erstes Geschöpf. Aus Staub, aus dem niedrigsten Stoff wird er gemacht. Gott bläst ihm seinen Geist, den Lebensatem in die Nase. Dadurch kann er selber atmen und leben.

„Mit Ehre und Herrlichkeit hat Gott den Menschen gekrönt“ haben wir vorhin im Psalm gebetet. (Ps 8,6b) Das ist in der Bibel kein Widerspruch: Auf der einen Seite ist der Mensch geformt aus Staub – das erinnert an Vergänglichkeit, an sterben müssen, an Tod: Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub. Und auf der anderen Seite wird der Mensch wenig niedriger als Gott angesehen (Ps 8,6a), gekrönt mit Ehre und Herrlichkeit, mit Größe und Würde. Also: Schon ganz am Anfang, bei der Entstehung des Lebens, kommt das Ende in den Blick, werden Sterben und Tod angedeutet. Im biblischen Menschenbild gehört beides untrennbar zusammen.

Jetzt geht es weiter. Jetzt tritt Gott als Gärtner in Aktion. „Und Gott pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.“ (V 8-9) Der Mensch – mitten im Paradiesgarten und in paradiesischen Zuständen.

Bevor wir dieses neue Kapitel aufschlagen, lasst uns noch ein wichtiges Detail zu seiner Erschaffung anschauen: Der Mensch wird aus Staub geformt, hörten wir. Das funktioniert aber nur in Verbindung mit Wasser und Feuchtigkeit, sonst hätte das Gebilde keinen Halt und würde zerbröseln. Darum ist im vorherigen Vers von einem Strom die Rede, der aus der Erde emporsteigt und das Land tränkt. Etwas Wasser von diesem Strom ist also die Voraussetzung, damit in Verbindung mit Staub der Mensch geschaffen werden kann. Im Hebräischen ist das sprachlich schön gemacht als Wortspiel, was dann auch theologisch interessant wird: Das hebräische Wort für „Strom“ heißt „ad“, zusammengesetzt aus den Buchstaben a und d. Mit Hilfe von diesem „ad“ erschafft Gott den Menschen, den Adam. Im Hebräischen wird einfach nur ein „m“ angehängt, aus „ad“ wird „adam“. Menschen brauchen einen Ort zum Leben. Adam bekommt seinen Lebensraum  im Paradiesgarten, auf der Erde, auf dem Acker. „Erde“ oder „Acker“ heißt im Hebräischen „adamah“. Hinter dem hebräischen Wort „adam“ wird also bloß ein langes „ah“ angefügt und die Reihe ist komplett: Von „ad“ über „adam“ zu „adamah“.

Das ist die Entwicklung, das ist der Fortschritt, das ist – im Theaterjargon – der dramatische Zuwachs in dieser Schöpfungsgeschichte: Gott lässt Wasser hervorsprießen, aus dem zusammen mit Staub der Mensch geformt wird. Und dieser Mensch bekommt als Lebensraum und als seinen Bestimmungsort die Erde oder den Acker zugewiesen, anvertraut. Um sich dort zu entfalten. Um die Erde zu bebauen und zu bewahren. Auf die Verbindung Mensch und Erde konzentriert sich alles. Das wird oft wiederholt und regelrecht eingeschärft: In dieser Geschichte und der nachfolgenden Paradiesgartenerzählung mit der Schlange kommt das Wort „Erde“ insgesamt 20mal vor. (Während das Wort „Himmel“ in den Kapiteln 2 und 3 kein Mal vorkommt – außer im Einleitungssatz und in der Bezeichnung „Vögel unter dem Himmel“.)

Damit ist auch geklärt, wer wo hingehört. Der Handlungsspielraum des Menschen ist der Erdboden, der Wirkungsraum Gottes ist zunächst einmal der Himmel. Obwohl der Mensch als „wenig niedriger als Gott“ deklariert wird, bleibt er dennoch auf dem Boden. Denn: Der Mensch ist nicht Gott! Er ist auch nicht wie Gott – was die Schlange dem ersten Menschenpaar weismachen möchte. Sondern er ist ein Gegenüber von Gott und bleibt in diesem Sinne immer Gottes Geschöpf. Die Schöpfungsgeschichte bewahrt uns davor, nach den Sternen zu greifen.

Eben waren wir stehengeblieben bei den paradiesischen Zuständen im Garten Eden. Gott gestaltet also aus einer trockenen, unwirtlichen Wüste einen reizenden, verlockenden Garten, eine Augenweide. Das zeichnet das Paradies aus, dass es nicht in erster Linie ein Nutzgarten ist, in dem alles zweckmäßig angeordnet wird, um eine hohe Wirtschaftlichkeit zu erzielen. Nein, der Mensch ist mehr als bloß Arbeit und Leistung. Darum schenkt Gott den Menschen mit dem Garten Eden eine Heimat, in der sie frei sind, in der sie genießen dürfen und in der sich auch die Augen wohl fühlen. „Die Bäume im Garten sind verlockend, reizend, lieblich anzusehen“ heißt es zunächst. Erst danach wird gesagt, dass die Früchte gut zur Speise sind. Die Ästhetik und das Schöne werden hier also auch berücksichtigt.

Gott setzt den Menschen in den Garten Eden. Er schenkt ihm Freiheit und die Fähigkeit ihn zu bebauen und zu bewahren. Und: Gott gibt den Menschen ein Gebot mit, eine wichtige Einschränkung. Sie lautet:

„Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.“ (V 16-17) Dies ist schon ein Fingerzeig auf die nachfolgende Geschichte, in der die beiden ersten Menschen genau an diesem Punkt in Konflikt mit Gott geraten. Sie haben alle Möglichkeiten und alle Freiheit. Fast alle, bis auf die eine Ausnahme. Damit gut und verantwortlich umzugehen ist die Herausforderung für Adam und Eva. Das wird am nächsten Sonntag Thema sein, wenn Gerhard Sternberg darüber predigen wird.

Liebe Gemeinde, meine heutige Predigt ist nur ein Anfang. Es gäbe noch reichlich Stoff, um etwas über die anderen Textstellen zu sagen, die ich jetzt außer Acht lasse. Zum Beispiel die spannende Frage, wie die Erschaffung der Frau wohl zugegangen sein mag – geschnitzt aus der Rippe des Mannes? Um dann bloß Gehilfin und Dienerin zu sein? Lauter Fragen und Rätsel, die ich für eine spätere Gelegenheit aufspare.

Dies noch zum Schluss: Die alte Erzählung vom Paradies schult unsere Augen. Sie hilft, einen Blick zu bekommen für unsere Welt und ihren Zustand – erst recht für den Umgang mit der Schöpfung, mit der Umwelt, mit der Natur und ihren Ressourcen. Gleichzeitig öffnet sie  uns die Augen für die vielen Kleinigkeiten, deren Schönheit unser Herz erfreut: Die Blumen, die Sträucher, die Bäume, die einem Lust machen, sie anzusehen. Denn ohne die Weide für unsere Augen würde unsere Seele verdursten.

Ich gebe Paul Gerhardt das letzte Wort, der die schöne Liedstrophe gedichtet hat:

Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum,

und lass mich Wurzel treiben.

Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum

und Pflanze möge bleiben.    (EG 503, 14)

Amen.