Ev. Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde Bielefeld Matthäuskirche

Predigtreihe Schöpfung, Teil 1

Die Schöpfung, 1. Mose 1,1 – 2,4a

Pfarrer Gerhard Sternberg 

am 12.8.2018 in der Matthäuskirche

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Schwestern und Brüder,

würden wir einmal auf dem Siegfriedsmarkt herumfragen, was die Bibel von der Schöpfung erzählt, bekämen wir auch von nicht so häufigen Gottesdienstbesuchern höchstwahrscheinlich Stichworte zu hören wie: Adam und Eva, Sündenfall, Schlange, Schöpfung in 7 Tagen, Vertreibung aus dem Paradies… 

Und es ist richtig: All das kommt in den ersten drei Kapiteln der Bibel vor. 

Was vielen aber nicht bewusst ist und erst auffällt, wenn man 1.Mose 1-3 einmal hintereinander durchliest, sind die vielen Widersprüche, die dort erscheinen. Einmal steht da, dass am Anfang überall Wasser war, dann wird davon gesprochen, dass alles trocken ist, da es Gott noch nicht hat regnen lassen. Dann wird erzählt, dass am sechsten Tag Gott den Menschen zu seinem Bilde schuf als Mann und Frau, aber dann heißt es auch, dass der Mann Adam am Anfang geschaffen wurde, dann alle Tiere und am Ende die Frau Eva aus Adams Rippe geschaffen wurde.

Widersprüche, die uns darauf hinweisen, dass wir in der Bibel nicht nur einen Schöpfungsbericht haben, sondern mehrere, die zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten von unterschiedlichen Verfassern verfasst worden sind. 

So haben wir Pfarrer überlegt, in unserer diesjährigen Predigtreihe diese Fragen einmal aufzugreifen und nicht nur die Entstehungsgeschichte der Schöpfungsgeschichten darzustellen, sondern auch zu fragen, welche Bedeutung diese Erzählungen für uns Menschen im 21.Jahrhundert mit unserem Wissen um Urknall und Evolution noch haben.

Durch Krankheit fällt unser lieber Freund und Kollege Andreas Heitland dieses Jahr bei der Predigtreihe leider aus und so habe ich sein Kapitel mit übernommen.

In der Lesung haben wir schon das 1. Kapitel der Bibel, den Text der Schöpfung in 7 Tagen gehört und mit den Bildern gesehen, welches Weltbild hinter dieser Erzählung steht: 

In der Urflut gibt es einen trockenen Raum – wir können es uns wie eine Art Käseglocke vorstellen, - an der als Lampen Sonne, Mond und Sterne hängen und unter der Pflanzen wachsen und Tiere leben können. Wenn sich die Schleusen des Himmels öffnen, dringt Wasser der Urflut durch diese Öffnungen und es regnet auf der Erde: Das Weltbild des Altertums, das auch als das Babylonische Weltbild bezeichnet wird.

Und genau dort in Babylon haben es Israeliten kennengelernt. 

597 eroberte der babylonische König Nebukadnezar II Jerusalem und das Südreich Juda und lies die gebildete Oberschicht ins Exil nach Babylon bringen, wie es die Babylonier häufig machten. So wollten sie verhindern, dass Führungspersönlichkeiten einen Aufstand gegen die Babylonier planen können und Ruhe ins besiegte Land bringen. 

In Babylonien lebten die etwa 4600 Deportierten jedoch nicht in Gefangenschaft mit Frondienst, sondern sie lebten in selbstverwalteten Kolonien, konnten Ackerbau und Handel treiben, ja sogar in der babylonischen Gesellschaft Karriere machen. 

So lernten sie auch die babylonische Kultur, Religion und Philosophie kennen. 

Da sehr viele Gelehrte im Exil waren - darunter natürlich auch viele Theologen - hatte die Zeit des Exils natürlich auch religiöse Folgen. 

Jüdische religiöse Vorstellungen vermischten sich mit babylonischen Einflüssen. Diese Theologen fassen wir unter dem Oberbegriff „Priesterschrift“ zusammen und von Ihnen stammt unsere Schöpfungserzählung.

Ob unsere Schöpfungserzählung noch im Exil oder erst nach der Rückkehr aus dem Exil entstanden ist, darüber herrschen unter den Alttestamentlern unterschiedliche Auffassungen. 

Dass es starke babylonische Einflüsse gegeben hat, wird schon am Anfang der Schöpfungserzählung deutlich: Wie kommen Israeliten, die in einem sehr trockenen Wüstenland leben, dazu, als Urzustand der Welt eine Urflut anzunehmen? Ein öder trockener Zustand, in dem erst durch Wasser Leben entstehen kann, liegt einen Wüstenbewohner doch viel näher. Genau dazu wird mein Lieber Kollege und Freund Andreas Smidt-Schellong nächste Woche bei der Schöpfungserzählung mit Adam und Eva etwas erzählen. Doch die Menschen, die in Babylon waren, erlebten dort, dass Wasser zwar fruchtbar, aber auch bedrohlich sein kann: Die Flüsse Euphrat und Tigris und der Persische Golf brachten oft Überschwemmungen, die zum Teil für Fruchtbarkeit sorgten, andererseits aber auch zerstörerische lebensbedrohende Kräfte hatten. Und so brachte die Priesterschrift den Gedanken in das Wüstenland Israel, dass das Wasser gebändigt und im Zaum gehalten werden muss, damit Leben entstehen kann.

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht ist ihnen aufgefallen, dass Gott zwar sein Schöpfungswerk am 1.Tag mit „ Es werde Licht!“ beginnt, Sonne, Mond und Sterne aber erst am 4. Tag an die Feste, an die Käseglocke, als Lichtquellen für Tag und Nacht, also als „Lampen“ gehängt werden? Auch hier ist wieder babylonischer Einfluss zu spüren. Die Astrologie spielte in Babylonien eine große Rolle – die Vielzahl der babylonischen Götter nutzte die Gestirne dazu, den Menschen Zeichen zu geben. Nicht umsonst folgten die Weisen aus dem Morgenland dem Stern von Bethlehem – sie waren Babylonier. Zum Teil wurden Sonne, Mond und Sterne sogar selbst als Götter verehrt. Ihnen sagt die Priesterschrift nun: Liebe Babylonier, was ihr als Götter verehrt, sind Lampen, die unser Gott Jahwe an den Himmel gehängt hat. Nichts weiter!

Zu weiteren babylonischen Einflüssen gehört die Vorliebe der Priesterschrift für Ordnung und Zahlen. In unserer Schöpfungserzählung sind alle Schöpfungsteile jeweils genau einem Tag zugeordnet. Auch die formelhafte Wiederholungen einzelner Satzteile dienen dieser Ordnung.

 „Und Gott sah, dass es gut war. So ward aus Abend und Morgen… „ beendet jeden Schöpfungsakt und leitet den nächsten Schöpfungstag ein. 

Liebe Schwestern und Brüder, hatten Sie beim Hören der Lesung auch das Gefühl, dass an einigen Stellen alles doppelt erzählt wird? Das ist auch so – zumindest ab dem zweiten Tag: Am ersten Tag erschafft Gott alles allein durch sein Wort: Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 

Doch dann wird es anders: Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern … und dann heißt es: Da machte Gott die Feste. Und das wiederholt sich an verschiedenen Schöpfungstagen: Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels …. Und dann heißt es: Und Gott machte zwei große Lichter ….

Und Gott sprach: Es wimmle das Wasser von lebendigem Getier … Und Gott schuf große Seeungeheuer und alles Getier, Und das setzt sich an den anderen Schöpfungstagen so fort. 

Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir in unserem Predigttext nicht nur eine einzige Schöpfungserzählung haben: Wir haben die eine Schöpfungserzählung, in der Gott allein durch sein Wort „Und Gott sprach…“ alles erschafft und eine zweite Schöpfungserzählung, in der Gott nicht durch das Wort sondern richtig handwerklich alle Schöpfungswerke „macht“. 

Beide sind uns zu großen Teilen erhalten geblieben, weil unsere Vorfahren in den vergangenen Jahrhunderten keinen Widerspruch darin empfunden haben. Vermutlich ist die „handwerkliche“ Erzählung die ältere und die Schöpfung allein durch das Wort die „modernere“, die den Abstand zwischen Schöpfer und Geschaffenem deutlicher hervorhebt.

Doch dies sei nur am Rande bemerkt.

Es gibt noch so vieles zu dieser Schöpfungserzählung zu sagen, dass der Rahmen einer Predigt damit weit gesprengt würde.

Daher möchte ich mich beschränken und mit Ihnen ein wenig darüber nachdenken, was diese Schöpfungserzählung mit uns Menschen von heute noch zu tun hat. 

Wir haben von der Wissenschaft gelernt: Am Anfang war der Urkall. Dadurch entstanden Materie, Raum und Zeit. Die Sonnensysteme und letztlich auch unsere Erde. Und dort entwickelte sich das Leben dann durch die Evolution. 

Liebe Schwestern und Brüder, vielleicht haben Sie in den letzten Jahren schon mal in den Medien etwas von den „Kreationisten“ gehört oder gelesen, den christlichen Fundamentalisten, die diese wissenschaftlichen Erkenntnisse leugnen und allein an der biblischen Schöpfungsgeschichte festhalten wollen. Abgesehen davon, dass wir die Kreationisten fragen müssten: „Welche Schöpfungserzählung meinst du denn? Die Schöpfungserzählung in der Gott handwerklich erschafft, die Schöpfungserzählung, in der er durch das Wort erschafft oder die Schöpfungserzählung, die wir nächste Woche kennen lernen werden?“ tun wir unseren jüdischen Vorfahren, die uns die Schöpfungserzählungen überliefert haben, damit unrecht. 

Denn dann setzen wir voraus, dass sie tatsächlich einen genauen Bericht geben wollten, wie unsere Welt erschaffen worden ist. 

Und ich bin überzeugt, dass sie genau das nicht tun wollten!

Ihr Gedankengang war ein ganz anderer: Sie waren überzeugt: Dass ich lebe ist kein Zufall. Dass ich lebe ist nicht nur das biologische Ergebnis der körperlichen Liebe meiner Eltern. Sondern: Gott wollte, dass ich lebe. Ich bin ein Geschöpf Gottes. Und nicht nur ich: Jeder meiner Mitmenschen, jeder Mensch, der vor mir gelebt hat, ist ebenso Geschöpf Gottes. Jedes Tier, jeder Baum, jede Pflanze ist kein Zufallsprodukt sondern ist von Gott gewollt, ist Schöpfung Gottes. 

Diese frohe Botschaft, diese Glaubensaussage wollten sie weitersagen. Und dies taten sie, indem sie als Kinder ihrer Zeit und ihrer Vorstellungswelt ihre Schöpfungsgeschichten erzählten. 

Die Schöpfungserzählung der Priesterschrift wie die Schöpfungserzählung, die wir nächste Woche kennenlernen werden wie auch alle anderen Schöpfungserzählungen anderer Religionen erheben nicht den Anspruch, historische Berichterstattungen zu sein sondern sind eigentlich Predigten. 

Dies wird deutlich, wenn wir uns noch einmal dem 6.Schöpfungstag der Priesterschrift zuwenden: 

Zunächst erschafft Gott alle Tiere, ein jedes nach seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war. Und dann sprach Gott: “Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.“ Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau!“

Vor der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau, vom hebräischen müssten wir eigentlich sagen: „der Menschheit als Mann und Frau“ nennt die Priesterschrift die Aufgabe, die die Menschheit hat: über die Tiere zu herrschen. Und führt diese Aufgabe dann noch einmal weiter aus: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Vieh und alles Getier, das auf Erden kriecht.“

Die Gedanken darüber, was es für den Menschen heißt, Bild Gottes zu sein, füllen viele Bücher. Ich verstehe es kurzgefasst so: Ich habe dich, Mensch, zu meinem Bild, zu meinem Gegenüber geschaffen und gebe dir einen Auftrag. Mach dir die Erde untertan und herrsche über die Tiere. 

Oder um den Gedanken von eben noch einmal aufzugreifen:

 Du, Mensch, jeder einzelne, jeder Mann und jede Frau, bist von mir gewollt, bist kein Zufallsprodukt. Und du bekommst eine Aufgabe von mir. Herrsche über die Erde. 

Ob diese Herrschaft nach Gottes Willen so aussehen sollte, wie wir Menschen es in den vergangenen Jahrhunderten verstanden haben, dass wir gewissenlos Erde und Tiere ausbeuten und missbrauchen, ist eine andere Frage.

Aber wer nun – wie die Kreationisten – einen Widerspruch zwischen den biblischen Schöpfungserzählungen und den wissenschaftlichen Erkenntnissen unserer Zeit sieht und die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Gunsten der biblischen Schöpfungserzählungen leugnet, geht an der eigentlichen Absicht dieser Erzählungen vorbei. 

Urknall und Evolution sind für mich kein Widerspruch zu der theologischen Aussage der Schöpfungspredigten: 

Nebenbei bemerkt: mich fasziniert, wie viel die Verfasser der Priesterschrift vor etwa zweitausendachthundert Jahren schon von der Entstehung des Lebens wussten: Schauen wir uns die Reihenfolge der Schöpfung in unserer Schöpfungserzählung einmal an, dann entdecken wir: Zunächst war das Wasser da, dann entstanden die Fische und lebendiges Getier im Wasser, dann die Vögel, dann die Landtiere. Von der Evolutionstheorie wissen wir, dass das erste Leben im Wasser entstand und von dort aus die Luft und das Land eroberte. 

Verblüffendes Wissen vor 2800 Jahren. 

Und dennoch: das ist nicht die Zielrichtung der Schöpfungserzählung sondern die frohe Botschaft: 

Du, Mensch, bist kein Zufall. Du, Mensch, bist von Gott gewollt. Du, Mensch, bist Geschöpf und Gegenüber Gottes.

Amen. 

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.