Ev. Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde Bielefeld Matthäuskirche

EG 342 „Es ist das Heil uns kommen her“ von Paul Speratus 7.August 2016 Pfarrer Andreas Smidt-Schellong

Liebe Gemeinde!

Heute geht es weiter in unserer sommerlichen Predigtreihe über Kirchenlieder aus der Reformationszeit – als Vorgeschmack auf das Jahr 2017 und 500 Jahre Reformation. An den letzten beiden Sonntagen haben die Kollegen Ulrich Wehmann und Andreas Heitland über das Lutherlied „Nun freut euch, lieben Christen g'mein“ und über das Lied „Herr Christ, der einig Gotts Sohn“ von Elisabeth Cruziger gepredigt. Heute geht es um das Lied „Es ist das Heil uns kommen her“ von Paul Speratus. Und den Abschluss der Reihe macht dann nächsten Sonntag Gerhard Sternberg mit dem Lied “Wo Gott der Herr nicht bei uns hält“.

In allen Liedern begegnen typische Gedanken der Reformation und Themen des Glaubens im 16. Jahrhundert. Die damals neuen evangelischen Überzeugungen wurden in einprägsame Verse gedichtet, Lied-sammlungen wurden erstellt und unter's Volk gebracht. Das war die pädagogische Methode damals: Mit Tönen und Musik lernt sich's leichter! Das eignete sich am besten als Medium, weil längst nicht alle Menschen lesen oder schreiben konnten. 

Spätestens seit dieser Zeit spielt die Musik und das Singen eine besondere Rolle in der evangelischen Kirche, namentlich aber auch die Instrumental-, Chor- und Orgelmusik; bekannte Komponisten wie z.B. Johann Sebastian Bach oder Dietrich Buxtehude bringen sie 200 Jahre später im Barockzeitalter zur künstlerischen Blüte. Bis heute wird ihre Musik gerne gehört und gespielt.

Doch das war ja alles viel später. Jetzt kommen wir erst mal zu unserem heutigen Thema Paul Speratus und sein Lied, das bereits in Luthers Achtliederbuch von 1523 enthalten ist. 

Ich habe dazu den verteilten weißen Handzettel vorbereitet, mit dem Sie die 9 Strophen jetzt verfolgen können auf der Rückseite. Biografische Daten stehen auf der Vorderseite unter dem zeitgenössischen Bild. Darauf gehe ich jetzt nicht ein. 

1. „Es ist das Heil uns kommen her von Gnad und lauter Güte.“ 

So geht die 1. Strophe los.

„Die Werk, die helfen nimmermehr, sie können nicht behüten. 

Der Glaub sieht Jesus Christus an, der hat für uns genug getan, 

er ist der Mittler worden.“

Die allererste Zeile dieses Liedes ist wie eine kompakte Zusammen-fassung des ganzen Liedes und der reformatorischen Hauptgedanken: 

„Es ist das Heil uns kommen her aus Gnad und lauter Güte.“ Damit ist im Prinzip schon alles gesagt, was in den nachfolgenden Strophen vertieft und gedeutet wird: Gott ist gnädig und gütig. Davon zehren die Menschen. Aus freier Gnade tut er etwas Gutes für uns. Daran merken wir seinen Segen, nämlich das Heil, das zu uns herkommt. Diese frohe Botschaft steht am Anfang. Hier wird, wohlgemerkt, der gnädige Gott ganz obenan gestellt in die erste Zeile, nicht der zürnende und strafen-de Gott, mit dem den Menschen des Mittelalters ständig Angst eingeflößt wurde. 

Das Neue besteht für jene Zeit darin, dass Entspannung in den Glauben gebracht wird durch dieses positive Gottesbild, das die Menschen nicht andauernd unter Druck setzt und überfordert. 

In der zweiten Zeile folgt der Kontrast: „Die Werke, die helfen nimmermehr“. Das heißt, all die Leistungen, die Menschen vollbringen sollen, um Gott angeblich gnädig zu stimmen und sich bei ihm beliebt zu machen, vermeintlich, die taugen am Ende nichts: „die können nicht behüten.“ 

Liebe Gemeinde, hier wird die ganze bisherige christliche Leistungs-mentalität über den Haufen geworfen! Immer hieß es „du musst dieses tun, du musst jenes tun, damit du vor Gott angesehen bist“. Du musst immer fleißig und tugendhaft und moralisch einwandfrei sein, du musst dich anstrengen und darfst nicht nachlässig sein… Dieser hohe Leistungsanspruch, unter dem auch Martin Luther gelitten hat und der ihm völlig zuwider war, wurde in Frage gestellt. Das muss damals revolutionär gewesen sein, dieser Aufstand gegen die herrschende katholische Lehrmeinung. Darum hatte die protestantische Bewegung wahrscheinlich auch so einen enormen Zulauf in kürzester Zeit: Weil sich die Menschen verstanden fühlten; weil die Kritik den Nerv der Zeit traf und weil sie mehr davon haben wollten. 

Tendenziell ist dieses Bedürfnis nach Freiheit und weg-von-den-Zwängen schon ein Fingerzeig auf den viel späteren Idealismus im 18. Jahrhundert: Ich denke z.B. an Friedrich Schiller und seine Sehnsucht nach Gedankenfreiheit, ohne Druck und Gehorsam.

Weiter geht’s in unserer ersten Liedstrophe: „Der Glaub sieht Jesus Christus an, der hat für uns genug getan, er ist der Mittler worden.“

Will sagen: Lieber Christ, wenn du glaubst, dann schau auf Jesus Christus und folge ihm nach! Er ist es in Wirklichkeit, der schon alles geleistet und genug getan hat. Es geht hier nicht um Konkurrenz! Sondern er ist der Mittelsmann, der Vermittelnde zwischen Gott und Menschen. Keine kirchliche Obrigkeit soll sich seine Autorität anmaßen und sich an seine Stelle setzen, bitteschön!

Die Formulierung „der hat für uns genug getan“ ist übrigens typisch reformatorisch – oder zumindest von den Reformatoren wiederentdeckt nach den Gedanken des Apostels Paulus im Neuen Testament. Diese Formulierung kommt z.B. auch in diesem Osterlied vor: 

„Gelobt sei Gott im höchsten Thron samt seinem eingebornen Sohn, der für uns hat genug getan.“ – Durch das Auferstehungswunder ist alles gesagt und getan, was zu sagen und zu tun ist! Noch dazu wird dieses Osterlied im fröhlichen Dreivierteltakt gesungen, es klingt wie ein schwungvoller Walzer, es ist lauter Spiel und Tanz. Und bei dem „Halleluja-haha!“ am Schluss jeder Strophe habe ich den Eindruck, als ob hier auch noch das Osterlachen zu hören ist in dieser Ton-malerei...

Kommen wir wieder zurück zu Paul Speratus in den Viervierteltakt – nach dem es sich besser gehen lässt oder, im reformatorischen Gleich-schritt, vielleicht sogar marschieren…??

Die Strophen 2 und 3 gehören zusammen. Hier kriegen wir das Thema Gesetz.  

2. Was Gott im G'setz geboten hat, da man es nicht konnt halten, 

erhob sich Zorn und große Not vor Gott so mannigfalten; 

vom Fleisch wollt nicht heraus der Geist, vom G'setz erfordert allermeist; es war mit uns verloren.

3. Doch musst das G'setz erfüllet sein, sonst wärn wir all verdorben. Drum schickt Gott seinen Sohn herein, der selber Mensch ist worden; das ganz Gesetz hat er erfüllt, damit seins Vaters Zorn gestillt, der über uns ging alle.

Das Gesetz ist das Wort Gottes, seine Tora, und daraus abgeleitet der ganze Leistungs- und Anforderungskatalog in den Begriffen von eben. Kein Mensch kann das perfekt einhalten. Viermal kommt das Wort Gesetz in beiden Strophen vor. Am Ende der 3. Strophe läuft es auf den Sohn und Mittler Jesus Christus hinaus, der es als einziger Mensch erfüllt hat. Stellvertretend.

Genau darin liegt die Entlastung und Entspannung für die Gläubigen, dass der Zorn Gottes und die große Not dadurch überholt sind. 

Gleichzeitig ist das Gesetz, die Tora Gottes, aber nicht so negativ wie es vielleicht erscheint. Der Anspruch, sich in seinem Verhalten danach auszurichten, seine Gaben und Fähigkeiten produktiv für sich und für andere zu nutzen ist etwas Gutes. Es wird nur festgehalten, dass die Taten und Werke und menschlichen Möglichkeiten begrenzt sind.

Davon handeln die Verse 4 bis 7. Hier haben wir wieder einen Thema-wechsel, der Fokus liegt jetzt auf den Stichworten Glaube und glauben, rechter Glaube und gerecht. Insgesamt neunmal kommen diese Worte in den drei Versen vor. 

Dieser biblische Grundgedanke geht schon zurück auf Abraham, von dem es heißt: „Er glaubte den Verheißungen Gottes, und das rechnete Gott ihm als Gerechtigkeit an“, trotz der menschlichen Verfehlungen. Paulus setzt diese Linie fort mit dem Gedanken „Ein gerechter Mensch wird aus Glauben leben“ nicht bloß dadurch, dass er tüchtig ist und gute Leistungen vollbringt. 

Wenn nun der Glaube an Gott dazu führt, dass der Mensch sich Gottes Gnade wirklich schenken lässt – ohne Zögern, ohne Bedingungen, ohne Vorbehalte und ohne Taktik – , dann ist alles gut! Denn daraus, aus dieser Grundhaltung des Vertrauens folgen die guten Werke und Taten dann sozusagen ganz von allein und von innen heraus – ohne Zögern, ohne Berechnung und ohne Taktik. 

Dann ist der Glaube frei und ohne Misstrauen, wie ein heller Schein, siehe Strophe 6. Getauft sein und in diesen Glauben hineinwachsen ist sogar etwas vom Himmel auf Erden, und niemand geht verloren. Siehe Strophe 5. 

In den Strophen 8 und 9 stimmt Paul Speratus ein Lob auf die Gnade Gottes an und beschließt sein Lied mit dem umformulierten Vater unser, ab dem Ende der 8. Strophe. 

Liebe Gemeinde, als Botschaft dieses Liedes erkenne ich Folgendes für uns heute: 

Behaltet das Genug in Erinnerung! Gott hat in Jesus Christus genug getan! Lasst Euch seine Gnade schenken! Nehmt dieses Geschenk an und lasst es in euer Herz hinein! Ihr sollt jederzeit gerne tun, was ihr euch als Ziel setzt und was in euren Möglichkeiten liegt. Aber verlasst euch nicht bloß auf die eigenen Werke und Taten! Und lasst ab von all dem Perfektionismus und übertriebenen Leistungsstreben, die oft so unbarmherzig und zerstörerisch sind! Denn: „Der Glaub sieht Jesus Christus an, der hat für uns genug getan, er ist der Mittler worden.“

Amen.

Solche Wirksamkeit des Geistes und des Friedens Gottes, die höher sind als alle menschliche Vernunft, die mögen eure Herzen und Sinne bewegen und bewahren in Jesus Christus. 

Amen.

Gemeindeversammlung zur Kirchenwahl am 24.11. 2019

Wir laden Sie herzlich ein, sich am Sonntag, den 24.11.2019 nach dem Gottesdienst bei einer Gemeindeversammlung über die Möglichkeiten zu informieren, wie Sie selbst bei der Kirchenwahl kandidieren können bzw. eine andere Person vorschlagen können. Herzlich willkommen. 

Besuch der Klimentgemeinde, Prag in der DBG vom 11. -14.10.2019

Mitte November besuchten uns 7 Familien aus der Klimentgemeinde gemeinsam mit Pfarrer Balcar.
Näheres zum Besuch  finden Sie hier.

Der Seniorenfrühstückstreff ist umgezogen!

Ab dem 5. September trifft sich der Seniorenfrühstückstreff vierzehntäglich donnerstags nicht mehr im Begegnungszentrum Bültmannshof sondern im Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum am Brodhagen.

Das aktuelle Programm finden Sie hier:

Neuer Flyer zu unserer Partnerschaft mit Quilmes erschienen

Ein Klick auf die Überschrift leitet Sie sofort zum neuen Flyer zu unserer Partnerschaft mit neuen Bildern und Informationen weiter.

Pragreise zur Klimentgemeinde im Oktober 2018

Reisebericht, Bildergalerie und Predigt zu dieser Reise finden Sie hier.

Bibelwoche in der 1. Januarwoche 2019

Mit dem Thema "Galaterbrief: Leseversuche" kam Frau Professorin Dr. Brigitte Kahl vom 2. bis 6. Januar in unsere Gemeinde.  Einen Rückblick finden Sie hier.

Predigtreihe 2018: Die Schöpfungserzählungen im 1. Buch Mose

Gründung der Umweltgruppe Grüner Hahn

Es werden noch Interessierte zur Mitarbeit gesucht. Nähere Informationen finden Sie unter dem Reiter "Gruppen - Umweltgruppe Grüner Hahn" oder durch Klick auf den grünen Hahn.