Ev. Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde Bielefeld Matthäuskirche

EG 297 „Wo Gott der Herr nicht bei uns hält“ von Justus Jonas 14. August 2016 Pfarrer Gerhard Sternberg

Liebe Schwestern und Brüder,

heute haben wir mit dem Lied: „Wo Gott der Herr nicht bei uns hält“ den vierten und letzten Teil unserer Predigtreihe über Lieder der Reformationszeit. 

Justus Jonas hat dieses Liedes 1525 mit 8 Strophen geschrieben – von den 6 Strophen, die in unser Gesangbuch aufgenommen wurden und die wir eben gesungen haben, sind jedoch nur die ersten und die letzten beiden Strophen von Justus Jonas, die Strophen 3 und 4 im Gesangbuch sind von Martin Luther. Warum vier Strophen „weggefallen“ sind, werden wir noch bedenken.

Wer war Justus Jonas? 

Geboren 1493 als Jobst Koch nahm er später den Vornamen seines Vaters als Nachnamen an und wählte als seinen Vornamen „Justus – der Gerechte“. Schon mit 14 machte er das Baccalaureat – das entsprach damals etwa dem Abitur, mit 17 war er Magister Artium, hatte also mit Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie das Grundstudium abgeschlossen, war mit 20 Jurist und mit 23 Theologe und Priester. Auf seiner weiteren akademischen Laufbahn als Professor war er 10 Jahre Dekan der theologischen Fakultät, Rektor der Universität zu Wittenberg und vieles mehr.

Plakativ gesagt war Justus Jonas der „Jurist“ der Reformatoren und damit – unter anderem beim Reichstag zu Worms – immer mittendrin in den Anfeindungen, die den Reformatoren entgegenschlugen. Er verfasste selber auch einige reformatorische Schriften – zum Beispiel war er an der Confessio Augustana, dem Augsburger Bekenntnis maßgeblich beteiligt. Zudem war Justus Jonas ein wichtiger Helfer Luthers bei der Übersetzung der Bibel. Hauptsächlich jedoch war er als Übersetzer der Werke Luthers und Melanchthons von reformatorischer Bedeutung, da erst durch seine Übersetzung viele Werke Luthers und Melanchthons für das breitere Volk lesbar und verstehbar wurden. Zudem war er ein sehr enger Freund von Luther, begleitete ihn auf vielen Reisen, konnte besser als jeder andere Luther seelisch aufrichten, wenn dieser mal wieder verzweifelt war, war bei Luthers Tod an seiner Seite und hielt auch die Beerdigungspredigt für Luther.

Wir haben nun viel Biographisches von Justus Jonas gehört, aber wir werden sehen, wie wichtig dies ist, um unser Lied „Wo Gott der Herr nicht bei uns hält“ zu verstehen.

Lassen Sie uns einmal ein paar Blicke auf die acht Strophen von Justus Jonas werfen, die Sie auf dem Handzettel mitlesen können:

Als ich mich das erste Mal mit dem Text beschäftigte, musste ich viele Strophen mehrmals lesen, um sie zu verstehen. Viele Worte werden hier in einer anderen Bedeutung genutzt als heute üblich. Dennoch möchte ich nun nicht jede einzelne Strophe „übersetzen“ sondern ich versuche einmal, den Gedankengang des Liedes zusammenzufassen. Dabei werde ich die Strophen, die wir nicht gesungen haben, vorlesen.

Die Aussage der ersten beiden Strophen könnte man so zusammenfassen: 

Wenn Gott nicht auf unserer Seite ist, so haben wir keine Chance gegen unsere Gegner. Aber egal, was unsere Gegner sich gegen uns ausdenken, wir dürfen uns davon nicht schrecken lassen: Gott deckt ihre Pläne auf – alles liegt in seinen Händen.

Die 3. bis 5 Strophe sind von ihrer Aussage sehr ähnlich:

3. Sie wüten fast und fahren her, als wollten sie uns fressen; zu würgen steht all ihr Begehr, Gott‘s ist bei ihn'n vergessen. Wie Meereswellen einher schla‘n, nach Leib und Leben sie uns stah‘n: des wird sich Gott erbarmen.

4. Sie stellen uns wie Ketzern nach, nach unserm Blut sie trachten; noch rühmen sie sich Christen hoch, die Gott allein groß achten. Ach Gott, der teure Name dein muss ihrer Schalkheit Deckel sein; du wirst einmal aufwachen.

5. Aufsperren sie den Rachen weit, und wollen uns verschlingen: Lob und Dank sei Gott allezeit, es wird ihn'n nicht gelingen: er wird ihr'n Strick zerreißen gar, und stürzen ihre falsche Lahr, sie werden Gott nicht wehren.

Bei diesen Worten ist mir aufgegangen, wie gefährlich, bedrohlich, angstmachend die Reformationszeit für die Reformatoren war. Wie leicht verharmlost man diese Zeit. Die unterschiedlichen theologischen Gedanken wurden ja nicht einfach nur in einer akademischen Diskussion ausgetauscht. Es ging um Grundfesten des damaligen katholischen Glaubens, an denen die Reformatoren rüttelten. Und das mitten in der Zeit der Inquisition, der Befragung mit Hilfe von Folter, der Verbrennung von angeblichen Ketzern. Justus Jonas drückt den Hass der Reformationsgegner und die Angst, die dieser Hass bei den Reformatoren auslöst, mit drastischen Worten aus. Und obwohl es nicht vergleichbar ist, kommen mir Bilder aus den Medien in den Sinn, auf denen Erdogananhänger voller Hass und ohne Skrupel über Andersdenkende herfallen.

Doch Justus Jonas stellt nicht nur die Verfolgung dar, sondern setzt in jeder Strophe seine Hoffnung auf Gottes Beistand, der diesen Anfeindungen irgendwann ein Ende machen wird, dagegen. 

Die nächsten beiden Strophen sind dann ganz massiv dem göttlichen Trost und Gottes Gnade gewidmet, die auf die Bedrängten warten, auch wenn es unsere Vernunft nicht begreifen kann. 

Alle Feinde und ihre Pläne sind Gott bekannt. Die Vernunft will den Bedrohungen der Gegenwart nachgeben, doch der Glaube kämpft dagegen an. Er vertraut auf die Zukunft, in der Gott selber trösten wird.

6. Ach Herr Gott, wie reich tröstest du, die gänzlich sind verlassen: der Gnaden Tür steht nimmer zu, Vernunft kann das nicht fassen. Sie spricht: es ist nun all‘s verlorn; da doch das Kreuz hat neu geborn, die deiner Hilf erwarten.

7 Die Feind sind all in deiner Hand, dazu all ihr Gedanken: ihr Anschlag ist dir wohl bekannt; hilf nur, dass wir nicht wanken. Vernunft wider den Glauben ficht, auf‘s Künftig will sie trauen nicht, da du wirst selber trösten.

Diese 7. Strophe hat es auch nicht in das Gesangbuch geschafft, die letzte Strophe aber schon:

8 Den Himmel und auch die Erden hast du, Herr Gott, gegründet; dein Licht lass uns helle werden :das Herz uns werd entzündet in rechter Lieb des Glaubens dein, bis an das End beständig sein; die Welt lass immer murren.

In dieser letzten Strophe klingen nun ganz andere Töne an:
Wir hören nichts mehr von den ganzen Anfeindungen, von der Angst, die viele Strophen des Liedes bestimmt hat. Hier in dieser Strophe ist nur noch das Vertrauen auf den Schöpfergott da. Gott wird gebeten, sein Licht in den Menschen helle werden zu lassen, und das Herz der Menschen mit der Liebe des Glaubens zu entzünden und den Menschen diese Liebe bis an das Ende zu erhalten, möge auch die Welt murren.

Selten ist mir bei einem Lied unseres Gesangbuches so stark aufgefallen, wie sehr die Erfahrungen der Gegenwart des Liederdichters widergespiegelt werden. 1517 bis1524 – die Hoch-Zeit der Reformation, war eben keine Zeit, in der die Menschen nur enthusiastisch den Reformatoren und ihren neuen Gedanken, die doch ganz alte Gedanken und biblisch begründet sind, nachgelaufen sind. Es war auch eine Zeit, in der alles auf der Kippe stand: fällt die Botschaft der Reformatoren auch bei den Mächtigen auf fruchtbaren Boden oder wird wieder die konservative alte Kirche ihre Macht ausspielen können und die Reformatoren mit Gewalt zum Schweigen bringen. Diese Gefahr bestand immer. Die Inquisition hatte ja schon viele, die neue oder andere Gedanken äußerten, die nicht zu der vorherrschenden Lehre der Kirche passten, gewaltsam zum Schweigen gebracht: die Orden der Beginen und Begarden, die Waldenser, Jan Hus und die Hussiten und viele mehr.

Werden die Lutheraner, die Melanchthonianer, die Zwinglianer und die Calvinisten in die Reihe der Märtyrer aufgenommen werden müssen? Wird auch diese Reformbewegung wieder blutig beendet werden? Die Gefahr bestand. Aber Justus Jonas setzt – wie wir gehört haben - den Anfeindungen, denen er und seine Mitstreiter ausgesetzt sind, die Hoffnung auf das Eingreifen Gottes entgegen. 

Schauen wir uns noch einmal genauer an, welche vier Strophen Justus Jonas‘ nicht in das Gesangbuch gekommen sind, stellen wir fest, dass es genau die vier Strophen sind, die sich am stärksten mit den Bedrohungen durch die Reformationsgegner auseinandersetzen. 

War es die teils drastische Sprache, war es die starke Anfeindungssituation, der historische Kontext, der nicht unbedingt in jede Zeit übertragbar ist, der die Menschen, die die Strophenauswahl zu treffen hatten, dazu bewogen hat, diese Strophen wegzulassen – ich weiß es nicht und habe dazu auch keine Informationen gefunden. 

Doch schauen wir uns die im Gesangbuch abgedruckten Strophen 3 und 4 von Martin Luther an, so stellen wir fest, dass Luther mit etwas weniger drastischen Worten aber dennoch intensiv in der dritten Strophe die Bedrohungssituation schildert. In der 4. Strophe jedoch so tut, als läge die ganze Anfeindungssituation schon hinter den Reformatoren. Er dankt Gott, dass er es nicht zugelassen hat, dass die Reformatoren von den Gegnern verschlungen wurden, „Der Strick ist entzwei und wir sind frei“ Für Luther scheint die Gefahr hinter ihnen zu liegen.

Wie kann das sein, dass Luther und Jonas die Situation so unterschiedlich deuten, wo doch alle 10 Strophen dem Jahr 1524 zugeschrieben werden? Ich weiß es nicht und kann nur vermuten. Vielleicht hat es etwas mit den Bauernkriegen zu tun, die 1524 begannen. Die Bauern erhoben sich damals gegen ihre Feudalherren und forderten ein Ende der Ausnutzung ihres Standes. Obwohl die Reformation einen nicht unerheblichen Anteil an dem Aufbegehren der Bauern hatte, distanzierte sich Luther davon, da es ihm nur um eine kirchliche Reformation ging und Luther im weltlichen Bereich eher die Auffassung vertrat: Seid untertan der Obrigkeit. Jedenfalls könnte die Aufmerksamkeit der Mächtigen in dieser Zeit mehr dem Aufstand der Bauern gegolten haben und dadurch Luther es als ein Ende der Bedrohung der reformatorischen Bewegung empfunden haben. Aber wie gesagt: Dies sind nur meine Mutmaßungen.

Was können wir nun zusammenfassend zu dem Lied „Wo Gott der Herr nicht bei uns hält“ sagen. Es wird heutzutage wenig in unseren Gottesdiensten gesungen. Ist es ein Lied mit einer überholten Aussage, dass nur noch aus nostalgischen Gründen in unserem Gesangbuch steht?

Ich denke nicht. Obwohl ich es bis heute nicht für Gottesdienste ausgewählt habe, habe ich in der Beschäftigung damit festgestellt, dass es – leider – auch heute noch sehr aktuell ist. Justus Jonas drückt – wie wir gesehen haben - in diesem Lied seine Ängste vor den Gegnern aus. Und wenn ich mich umsehe, dann sehe ich leider wieder sehr viel Angst um mich herum: 

Terrorakte erschüttern uns massiv, die Angst vor dem IS greift immer weiter um sich. Wir erleben in der Türkei, wie eine Land, dass auf dem Weg in die Demokratie war, mit Erdogan immer weitere Schritte in Richtung einer Diktatur macht, wir hören aus der USA von Donald Trump hetzerische Parolen, die Angst und Bange machen, da die Gefahr besteht, dass dieser Mann Präsident werden und an die Macht kommen könnte. Also viele Anlässe, die uns die bedrohlichen Schilderungen Justus Jonas aus vollem Herzen mitsingen lassen können. 

Ich wünsche uns allen, dass wir aber nicht in diesen Ängsten stehen bleiben, sondern es schaffen, auch in die Worte lautstark mit einzustimmen, in denen Justus Jonas seiner Angst das Vertrauen auf Gott und in Gottes Beistand gegenüberstellt: Ach Herr Gott, wie reich tröstest du, die gänzlich sind verlassen: der Gnaden Tür steht nimmer zu, Vernunft kann das nicht fassen. Sie spricht: es ist nun all‘s verlorn; da doch das Kreuz hat neu geborn, die deiner Hilf erwarten.

Amen.

Gemeindeversammlung zur Kirchenwahl am 24.11. 2019

Wir laden Sie herzlich ein, sich am Sonntag, den 24.11.2019 nach dem Gottesdienst bei einer Gemeindeversammlung über die Möglichkeiten zu informieren, wie Sie selbst bei der Kirchenwahl kandidieren können bzw. eine andere Person vorschlagen können. Herzlich willkommen. 

Besuch der Klimentgemeinde, Prag in der DBG vom 11. -14.10.2019

Mitte November besuchten uns 7 Familien aus der Klimentgemeinde gemeinsam mit Pfarrer Balcar.
Näheres zum Besuch  finden Sie hier.

Der Seniorenfrühstückstreff ist umgezogen!

Ab dem 5. September trifft sich der Seniorenfrühstückstreff vierzehntäglich donnerstags nicht mehr im Begegnungszentrum Bültmannshof sondern im Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum am Brodhagen.

Das aktuelle Programm finden Sie hier:

Neuer Flyer zu unserer Partnerschaft mit Quilmes erschienen

Ein Klick auf die Überschrift leitet Sie sofort zum neuen Flyer zu unserer Partnerschaft mit neuen Bildern und Informationen weiter.

Pragreise zur Klimentgemeinde im Oktober 2018

Reisebericht, Bildergalerie und Predigt zu dieser Reise finden Sie hier.

Bibelwoche in der 1. Januarwoche 2019

Mit dem Thema "Galaterbrief: Leseversuche" kam Frau Professorin Dr. Brigitte Kahl vom 2. bis 6. Januar in unsere Gemeinde.  Einen Rückblick finden Sie hier.

Predigtreihe 2018: Die Schöpfungserzählungen im 1. Buch Mose

Gründung der Umweltgruppe Grüner Hahn

Es werden noch Interessierte zur Mitarbeit gesucht. Nähere Informationen finden Sie unter dem Reiter "Gruppen - Umweltgruppe Grüner Hahn" oder durch Klick auf den grünen Hahn.