Ev. Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde Bielefeld Matthäuskirche

12.Juli 2015 Beten und Tun des Gerechten „ Tue deinen Mund auf für die Stummen!“ (Sprüche 31,8) Pfarrer Ulrich Wehmann

Liebe Gemeinde!

Mit diesem Sonntag beginnen wir die Predigtreihe zu Dietrich Bonhoeffer, der vor 70 Jahren am 9.April im bayrischen KZ Flossenbürg von der SS ermordet wurde.

Bonhoeffer wurde am 4.Februar 1906 in Breslau geboren. Die Familie zieht 1912 nach Berlin. In Tübingen und Berlin studiert er ab 1923 ev. Theologie. Mit Promotion und Habilitation schafft er sich die Grundlage für eine Laufbahn als Hochschullehrer – zunächst wirkt er als Privatdozent in Berlin. Gleichzeitig wird er mit der Aufgabe eines Studentenpfarrers und eines Hilfspredigers in einer Berliner Kirchengemeinde betraut. 

Ab 1933 übernimmt Bonhoeffer die Pfarrstelle für zwei deutsche Kirchengemeinden in London. Mit der Leitung eines Predigerseminares der Bekennenden Kirche in Zingst und später in Stettin-Finkenwalde wird er ab 1935 beauftragt. Der Schritt in den Widerstand gegen Hitler erfolgt 1941. Im Januar 1943 verlobt sich Dietrich Bonhoeffer mit Maria von Wedemeyer – aber schon im April 1943 müssen die beiden das jähe Ende ihres Zusammenseins erleiden, denn Bonhoeffer wird verhaftet. Zuerst im Gefängnis in Berlin-Tegel und dann im Gestapo-Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße wartet er auf die Freilassung. Aber nach dem 20.Juli 1944 werden weitere belastende Akten gefunden. Weil Bonhoeffer zu dem Widerstandskreis um Admiral Canaris gehörte, ordnet Adolf Hitler persönlich die Hinrichtung aller Mitglieder dieser Widerstandsgruppe an. Niemand soll die bevorstehende militärische Niederlage des 3.Reiches überleben. So wird einen Monat vor Kriegsende das Todesurteil vollstreckt.

Über die Zeit im Gefängnis, über die Einstellung Bonhoeffers zu den Juden, über seinen Kampf für Frieden und Versöhnung zwischen den Völkern werden meine Pfarrkollegen an den nächsten drei Sonntagen predigen.

Heute steht ein Gedanke im Mittelpunkt, den Bonhoeffer im Mai 1944 im Gefängnis niederschrieb: Beten und Tun des Gerechten. Auch im Siegel unserer Kirchengemeinde ist dieser Gedanke fest eingeprägt worden. Worum geht es in diesem Brief?

Bonhoeffers Nichte – Renate Schleicher – hatte 1943 Bonhoeffers Freund Eberhard Bethge geheiratet. Zur Taufe des Sohnes Dietrich Wilhelm Rüdiger Bethge schrieb der Patenonkel aus der Gefängniszelle heraus: Du wirst heute zum Christen getauft. Alle die alten großen Worte der christlichen Verkündigung werden über Dir ausgesprochen, ohne dass Du etwas davon begreifst. Aber unsere Kirche, die nur um ihre Selbsterhaltung kämpft, ist heute unfähig geworden, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen; und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in der Kirche muss neu geboren werden aus diesem Beten und diesem Tun.

Nun war dieser Brief für das kleine Taufkind natürlich völlig unverständlich. Aber Dietrich Bethge – der den Vornamen seines Patenonkels erhielt – hatte als Vermächtnis seines Onkels einen großen Schatz mitbekommen: Beten und Tun des Gerechten unter den Menschen! 

Hier wird eine Linie des Glaubens vorgezeichnet, die bis in unsere Zeit als Wegweisung dienen kann: Beten und Tun des Gerechten! Was hieß dies für Bonhoeffer konkret?

Beten ist Atem holen aus Gott. Beten ist kein Werk, keine fromme Haltung – sondern Vertrauen. Bevor wir uns im Gebet an Gott wenden, ist Christus schon lange zuvor zu uns gekommen. Beten ist eine Beziehung, die sich auf das Vertrauen gründet, dass sich Gott in Jesus uns immer schon zugewandt hat. So lehrte es Bonhoeffer seinen Studentinnen und Studenten – so lebte er es in seinem eigenen Glaubensleben.

Und damit ist auch das Gebet der innere Kompass bei der Suche nach dem Gerechten, das getan und vollzogen und nicht nur gedacht und bedacht und in theoretische Höhen gezogen werden soll.

Was hieß also „Tun des Gerechten“ für Bonhoeffer konkret?

1922 hört Bonhoeffer als 16- jähriger Schüler von seinem Klassenraum im Grunewald-Gymnasium aus die Schüsse auf den Außenminister der Weimarer Republik Walter Rathenau. Rechtsextremisten hatten den Juden Rathenau zum Ziel ihres antidemokratischen Hasses gemacht. Ein Mitschüler schrieb später: Ich erinnere mich noch des leidenschaftlichen Entrüstungsausbruchs meines Freundes Bonhoeffer. Ich erinnere mich, dass er fragte, wo denn Deutschland hinkommen soll, wenn man ihm seine besten Führer ermorde. Ich erinnere mich daran, weil ich es bewunderte, dass man so genau wissen konnte, wo man stand.

So unvollkommen die Weimarer Republik auch war – Bonhoeffer stand auf der Seite der Demokratie und des Ausgleichs mit den Siegerstaaten des 1.Weltkrieges. Hass, Terror und neue Parolen von einem militärisch starken Deutschland lagen ihm fern. 

Ein nächster Punkt:

Wir müssen uns vorstellen, dass Bonhoeffer aus einer geachteten großbürgerlichen Professorenfamilie stammte. Die Gefahr eines gewissen akademischen Dünkels liegt da nicht fern. Bonhoeffer sah die Gefahr und steuerte dem bewusst entgegen. Als Student trat er dem Kindergottesdiensthelferkreis seiner Gemeinde bei. Bonhoeffer wollte den Menschen nahe und den Kindern ein guter Begleiter sein. Die Kinder kamen in Scharen in seine Gruppe, weil er den richtigen kindgemäßen Ton traf. Bonhoeffer, der sicher zur bürgerlichen Elite gehörte, trat aber allem elitären Denken entgegen, weil er davon überzeugt war: christliches Denken führt immer zum sozialen Handeln.

Dieser Impuls verstärkt sich noch, als Bonhoeffer nach seinem Examen 1930 zu einem Auslandsstudium nach New York fuhr. Er lernt dort den schwarzen Studenten Frank Fisher kennen. Mit ihm geht er in die von Müll und Drogen, Arbeitslosigkeit und Kriminalität geprägten Stadtteile und nimmt an den bewegenden Gottesdiensten der schwarzen Christen teil. Er sagte selbst: hier in den Negerkirchen habe ich gehört, wie man das echte Evangelium predigt! Man betet nicht nur um das persönliche Heil, sondern um die Befreiung der Sklaven. 

Von New York aus fährt Bonhoeffer nach Mexiko und Kuba; hier spricht er in einer Predigt davon, wie ihm die Hungernden und Unterdrückten, das Elend der Kinder und die Scharen von Arbeitslosen ans Herz gehen. In der Begegnung mit dem französischen Pfarrer Jean Lasserre lernt Bonhoeffer auf dieser Amerika-Reise einen sog. „Erbfeind“ kennen, der sofort antifranzösische und sog. vaterländische Gefühle bei dem Berliner Theologen hervorrufen. Lasserre fragt Bonhoeffer aber: glauben wir an die   nationale Sendung Deutschlands oder Frankreichs? Oder glauben wir an die völkerverbindende Kirche Jesu? 

Bonhoeffer entdeckt seitdem die Bergpredigt neu, die ihm zu neuen Einsichten im Blick auf Krieg oder Frieden, Vergeltung oder Versöhnung verhilft. Zurück in Berlin baut Bonhoeffer 1932 mit anderen die „Charlottenburger Jugendstube“ für Christen, Juden und Sozialisten auf. Alle sollen zusammen arbeiten, diskutieren und feiern.

Am Prenzlauer Berg übernimmt er eine wüste Konfirmandengruppe, die ihrem alten Pfarrer das Leben „zur Hölle gemacht hat“. Bonhoeffer lässt sich auf die Arbeiterjugendlichen ein, zieht in ihren Stadtteil, kauft bei der Bäckersfrau belegte Brötchen, gibt Nachhilfe, spielt Fußball mit ihnen und vermittelt ihnen damit die Weite des Evangeliums. Die Jungens stehen hernach hinter Bonhoeffer wie eine Bank. Bei einer Bonhoeffer-Tagung tauchte einmal ein alter Mann auf. Er erzählte der versammelten Theologenschar, dass er bei Bonhoeffer Konfirmand in Berlin war. Ihre Eltern waren in der KPD und in der SPD und damit der Kirche fern. Bonhoeffer vermittelte ihnen aber, dass Jesus nicht ihr Klassenfeind sei, sondern der Bruder aller, die den Weg der Gerechtigkeit beschreiten. 

Das Jahr 1933 wird zur besonderen Herausforderung. Die SA erschlägt nach der Machtergreifung viele Oppositionelle. Alle bürgerlichen Freiheiten werden abgeschafft, die Parteien werden aufgelöst.

Am 1.April 1933 heißt die Parole: Kauft nicht bei Juden! Bonhoeffers 90jährige Großmutter – Julie Bonhoeffer – lässt sich aber nicht beirren, marschiert unbekümmert durch die Reihen der SA-Leute ins „Kaufhaus des Westens“ und sagt: ich kaufe da ein, wo ich will.

Auch die evangelische Kirche begrüßt Hitler mit vaterländischen Tönen. Die „Deutschen Christen“ sorgen dafür, dass bald judenchristliche Pfarrer, die sich haben taufen und für das geistliche Amt ordinieren lassen, den Beamtenstatus verlieren und das Pfarramt aufgeben müssen. Auch ein Freund Bonhoeffers ist solch ein judenchristlicher Pfarrer. Bonhoeffers Schwester Sabine hatte den getauften Juden Gerhard Leibholz geheiratet. Er ist Professor in Göttingen und muss am 1.April 1933 die Pöbeleien der SA gegen ihn ertragen.

Was ist zu tun?

Im Frühjahr 1933 hält Bonhoeffer einen Vortrag vor Berliner Pfarrern:

Die Kirche muss allen Opfern staatlichen Handels beistehen, nicht nur den Christen. Die Kirche muss nicht nur die Opfer unter dem Rad verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen fallen. 

Wütend verlassen die Pfarrkollegen den Vortragssaal. Das wollten sie nicht hören.  1934 schreibt Bonhoeffer in einem Brief: Es muss Schluss sein mit der theologisch begründeten Zurückhaltung gegenüber dem Tun des Staates. „Tu deinen Mund auf für die Stummen!“ Wer weiß denn das heute noch in der Kirche, dass dies die mindeste Forderung der Bibel in solchen Zeiten ist?

Ebenfalls im Jahr 1934 wird Bonhoeffer auf einer Konferenz im dänischen Fanö gefragt, was er im Falle eines Krieges tun würde. „Ich bitte darum, dass Gott mir dann die Kraft geben wird, nicht zu den Waffen zu greifen“, lautet seine Antwort. Bonhoeffer wird zu einem konsequenten Vertreter der Bekennenden Kirche. Er verweigert Hitlergruß und den Treueeid auf den Führer. Er tritt dem Widerstand bei und beteiligt sich an der Rettung von Juden in die Schweiz.

Als Geistlicher wird er von denen um Rat gebeten, die bereit sind, Adolf Hitler zu töten. Er gibt keine Antworten mit jubelnder Ideologie. Töten bedeutet Schuld; aber auch Tatenlosigkeit kann vor Gott zur Sünde werden.

Im Gefängnis wird Bonhoeffer zum Seelsorger der Mitgefangenen und des Gefängnispersonals. Ein Unteroffizier würde mit ihm fliehen. Alles ist im Oktober 1944 vorbereitet. Aber Bonhoeffer sagt die Flucht ab. Er weiß, dass dann seine Eltern und seine Verlobte aus Rache inhaftiert und misshandelt würden. 

Bis kurz vor seinem Tod wirkt Bonhoeffer als Prediger. Er predigt auch vor Katholiken und Kommunisten – erst mit Zögern, aber dann mit innerer Überzeugung. So feiern im Gefängnis in Tegel auch katholische und evangelische Christen das Abendmahl – egal ob mit einem Priester oder einem Pastor. Wichtig war nur: der Geistliche durfte kein „deutscher Christ“ sein.  

„Tun des Gerechten“! 

„Tue deinen Mund auf für die Stummen!“ 

Was bedeutet dies für uns heute – 70 Jahre nach Bonhoeffers Tod?

1. Dietrich Bonhoeffer forderte, dass die Kirche frei sei von falschen Bindungen. Am besten wäre es, wenn die Kirche alle Reichtümer verkaufen und die Pfarrerschaft ohne Bezahlung arbeiten würde. Nur so muss niemand auf falsche Herren hören, weil man von ihnen abhängig ist.

Wir sind heute eine freie Kirche in einem freien Land. Und dennoch sind wir innerlich gefesselt an falsche Bindungen, wenn wir in unserem Land davon profitieren, dass in Vietnam Männer und Frauen für Hungerlöhne unsere Kleidung produzieren. Warum stürzen sich junge Leute dem fanatischen Islam in die Arme? 

Weil eine Welt, deren Wert nur an der Börse ermittelt wird, keine innere Überzeugungskraft mehr hat! Bonhoeffer hat uns ein Höchstmaß an sozialer Sensibilität gelehrt. Wir sollen die Welt mit den Augen der Opfer sehen, nicht mit den Augen der Profiteure.

2. Mit Gott können wir über die Mauern nationaler Engführungen springen. Feindbilder sind für Christenleute keine tragfähige Handlungsgrundlage. Das Schreckliche ist ja im Moment, dass wir überall nur auf Feindbilder treffen: in den Konflikten des Nahen Ostens, in den Konflikten in Osteuropa und Rußland.

Es gibt die Konflikte in unserem Land, wenn ein Haus für Flüchtlinge errichtet wird. Im Sinne Bonhoeffers müssten sich die Kirchen und die Christen und Christinnen vor Ort einmischen als Feindbild-Vernichter. Haben unsere Kirchen die Kraft dazu?

3. Bonhoeffer hat uns auf die Propheten Israels und die Bergpredigt Jesu verwiesen. Dies bedeutet, dass es kein Stück Welt gibt – und sei es noch so verloren –, das von Gott getrennt wäre.

Wie schnell kommt zu uns das Gefühl: es ist doch alles vergeblich! Nichts ist vergeblich. Wir dürfen alles, was wir tun – so Bonhoeffer – aus der Perspektive von Kreuz und Auferstehung, von Versagen und Neuanfang, von Verzweiflung und dem Schöpfen neuen Mutes sehen.

Nicht all unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott. Gott bleibt der Herr der Erde und schenkt uns immer neuen Glauben. Er legt uns nie mehr auf, als wir tragen können. Er macht uns seiner Nähe und Hilfe froh; er erhört unsere Gebete und führt uns auf dem besten und geradesten Wege zu sich.

Dies schrieb Bonhoeffer am 14.August 1944 im Gefängnis.

Nicht all unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen erfüllt Gott. 

Mit leisen Tönen spreche ich mir dieses Wort immer wieder vor, denn ohne die Beziehung zu unserem befreienden Gott bin ich im Gestrüpp der  Probleme, Konflikte und Herausforderungen dieser Welt hoffnungslos überfordert. 

Ich brauche Gottes Kraft, um meinen Mund für die Stummen aufzumachen, so dass etwas Gerechtes, Hoffnungsvolles und Hilfreiches dabei herauskommt. Amen.

Pfarrstellenausschreibung, Bewerbungsfrist bis 7.10.2019

Besuch der Klimentgemeinde, Prag in der DBG vom 11. -14.10.2019

Wir freuen uns sehr auf den Besuch von 16 Prager Gemeinde-
gliedern aller Altersgruppen.
7 Familien werden mit Pfarrer Balcar zu uns kommen. Näheres zum Besuch und zu Ihren Möglichkeiten, an der Begegnung teilzunehmen finden Sie hier.

Der Seniorenfrühstückstreff ist umgezogen!

Ab dem 5. September trifft sich der Seniorenfrühstückstreff vierzehntäglich donnerstags nicht mehr im Begegnungszentrum Bültmannshof sondern im Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum am Brodhagen.

Das aktuelle Programm finden Sie hier:

Neuer Flyer zu unserer Partnerschaft mit Quilmes erschienen

Ein Klick auf die Überschrift leitet Sie sofort zum neuen Flyer zu unserer Partnerschaft mit neuen Bildern und Informationen weiter.

Pragreise zur Klimentgemeinde im Oktober 2018

Reisebericht, Bildergalerie und Predigt zu dieser Reise finden Sie hier.

Bibelwoche in der 1. Januarwoche 2019

Mit dem Thema "Galaterbrief: Leseversuche" kam Frau Professorin Dr. Brigitte Kahl vom 2. bis 6. Januar in unsere Gemeinde.  Einen Rückblick finden Sie hier.

Predigtreihe 2018: Die Schöpfungserzählungen im 1. Buch Mose

Gründung der Umweltgruppe Grüner Hahn

Es werden noch Interessierte zur Mitarbeit gesucht. Nähere Informationen finden Sie unter dem Reiter "Gruppen - Umweltgruppe Grüner Hahn" oder durch Klick auf den grünen Hahn.