Ev. Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde Bielefeld Matthäuskirche

Jonas Predigt und Ninives Buße - Jona 3 - 25.8.2013 - Pfarrer Andreas Heitland

Michelangelo Buonarotti "Jona" (Sixtinische Kapelle)

Liebe Geschwister,

wer unter Ihnen die Predigten zu den ersten beiden Kapiteln mitverfolgt hat, wird sich fühlen, als sei im dritten Kapitel auf die Reset-Taste gedrückt worden – alles wieder auf Anfang, und das fast wortwörtlich. Über zwei Kapitel hatte Gott erst einmal mit seinem Propheten zu tun, der sein Glaubensbekenntnis gut auswendig konnte: „Ich fürchte Jahwe, den Gott des Himmels, der das Meer und das Trockene gemacht hat.“

Aber seine Taten waren nicht dementsprechend. Jonas Ehrfurcht vor Gott kann nicht groß gewesen sein, wenn er übers Meer ans Ende der Welt fliehen will. Dumm, dass der Schöpfer natürlich alle Enden der Erde kennt. Ehrfurcht vor Gott bedeutet Gott ernst zu nehmen. Und das haben im Jonabuch bisher eher die heidnischen Seeleute getan. Jona handelt hier wie Israel in Hosea 7,11 und 11,11, wo es von Israel heißt, dass es sich locken lässt und ratlos umherflattert wie eine Taube. Jona bedeutet ja „die Taube“.

Aber das hat sich nun gelegt. Gottes unendliche Geduld und Fügung hat seinen Propheten wieder an den Start gebracht. Jona ist nun in völligem Einklang mit seinem Gott. Er tut, was Jahwe ihm aufgetragen hat.

Jona erreicht Ninive, das hier überdimensioniert beschrieben wird. Die ganze Gewalt und Großmacht der ärgsten Feinde Israels spiegelt sich in diesem Sinnbild Ninive, der großen Stadt. Drei Tagereisen groß – also mehr als 60 km, wenn Sie gemütlich wandern. Das hat nichts mit dem historischen Ninive zu tun, das Archäologen gegenüber von Mosul auf 5 km Länge gemessen haben. Das Jonabuch ist eine spannende Lehrerzählung und kein historischer Bericht. Das übermächtige Ninive ist die „große Stadt der Bosheit“, ein Sinnbild wie Sodom und Gomorra und wie das Sündenbabel. Ninive steht für die Großmächte der Geschichte, in denen stets Gewaltherrschaft und Unterdrückung regierten. Israel hat darunter nur zu oft leiden müssen. Und diese „Bosheit“ ist im 1. Kapitel der Grund für Gottes Zorn. Gewalttaten gegen das Leben greifen die Grundkompetenzen des Schöpfers an, der das Leben geschaffen hat, der es hervorbringt und dem das Leben heilig ist.

Die Botschaft Gottes, die Jona nach einem Wandertag den Menschen dort überbringt, ist kurz und knallhart. Und sie spricht allen, die unter den Gewalttaten gelitten haben, aus dem Herzen: „Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört!“ Das lässt nichts offen. Das Böse wird von Gott gerichtet. Gott droht mit dem Untergang. Endlich schlägt er drein. Seine Schöpfermacht droht in Zerstörungswut umzukippen, weil Gott unter der Bosheit Ninives leidet.

Das zu hören ist mir wichtig. Denn dies ist kein Ruf zur Umkehr und keine Bußpredigt, wie es Pfr. Wehmann zum ersten Kapitel gepredigt hat: „Jona soll Ninive zur Umkehr rufen.“ – Und ich widerspreche meinem Kollegen und Freund Uli Wehmann nur sehr ungern und höchst selten!

Gott ist der Schöpfer allen Lebens auf Erden und liebt alle seine Geschöpfe, davon geht der Verfasser dieses Buches aus. Gott leidet darunter, dass „die Großen“ seine Geschöpfe mit Gewalt und Tod überziehen. Ninive ist Bosheit, die wir nicht näher beschreiben müssen, weil sie jede Generation bis heute kennt, …allein die Nachrichten der letzten Woche: 

Die Gewalt und das Morden im Bürgerkrieg in Syrien, Giftgasangriff mit hunderten Toten. Drei Millionen Kinder auf der Flucht, aller Zukunft beraubt. – Und Flüchtlinge, die es bis Deutschland schaffen, werden hier von Neonazis empfangen und haben wieder nur Angst. Überall ist Ninive!
 
Massenvergewaltigungen im Kongo und ein cholerischer Schützenbruder, der Mitmenschen und sich selbst erschießt im beschaulichen Dossenheim, – das sind böse Taten, – die Bosheit, die im ersten Kapitel als Grund für Gottes Leid und Wut genannt wird. Was ist das Leben des Nächsten noch wert. Darf jeder abgeknallt werden? – unsere Welt – ein nicht mehr virtuelles Ballerspiel? Reagieren wir Menschen gegenüber brutaler Gewalt nur noch abgestumpft und nehmen’s schweigsam hin? …

Gott nicht. Gott ist zornig. Er leidet!  „Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört!“

Diesen Ernst der Lage finde ich wichtig wahrzunehmen, um zu begreifen, was nun im Jonabuch passiert. Denn eine geradezu provozierende Hoffnung wird uns nun vom Verfasser ausgemalt. Ninive wendet sich von seinem bösen Weg ab und kehrt um. Und das tun sie nicht berechnend, sondern wachgerüttelt durch diesen einen Satz des Jona und nur mit einer vagen Erwartung an diesen unbekannten Gott des Himmels, zu dem sich Jona bekennt: „Wer weiß? – Vielleicht lässt Gott es sich gereuen?“ Das Volk fastet und geht in Sack und Asche, übt öffentlich sichtbar Buße. Und der König macht es ihnen nach, setzt sich in die Asche in grobem Sackleinen statt elegantem Purpur. Menschen und Vieh, – nach dem Schöpfungsbericht als Gehilfen des Menschen geschaffen – , ruft der König zum Bußritual auf. Sie sollen zu dieser Gottheit schreien. Was für ein Krach in der großen Stadt, dem einst größenwahnsinnigen Ninive. Wie gut täte dieser Urschrei der Buße auch unserer Zeit?

Es erstaunt uns, dass hier nicht lange überlegt wird. Aber das ist das Lehrbeispiel des Verfassers. Die Menschen hören Jonas Worte und sie glauben an Gott – wie es einst auch von Abram gesagt wurde, dass Abram Jahwe glaubte und er es ihm zur Gerechtigkeit anrechnete (Gen.15).

Die Niniviten ändern sich. Alles geht wahnsinnig schnell. 40 Tage sind nicht lang. Und es erstaunt, dass zuerst das Volk beginnt und dann erst der König nachzieht. Das wirkt ja fast wie eine frühe Demokratiebewegung. Aber Ausleger deuten es anders. Sie sehen Jeremia 36, das ich uns in Auszügen gelesen habe, als Negativfolie, auf der der Autor des Jonabuches nun die Niniviten agieren lässt. 

In Ninive geschieht, was Gott sich vor hunderten Jahren vom König Jojakim und seinem Volk in Juda gewünscht hätte. Das Drohwort Gottes erreichte damals Jerusalem wie hier Ninive. Sie fasten hier wie dort. Seinem Volk lässt Gott eine ganze Schriftrolle voll Unheilsworten aufschreiben, die König Jojakim Stück für Stück verbrennt. Ninive hört nur einen kurzen Satz und geht sofort in Sack und Asche. Der König von Ninive befiehlt ein stadtweites und das ganze Stadtleben umfassendes Büßen. Unmögliches geschieht hier, die Umkehr der Gewalttätigen, der Wandel einer von Bosheit und Lebensverachtung geprägten großen Stadt Ninive. Das ist eine provozierende Hoffnung auf Besserung, auf Umkehr zum Leben und zum Frieden der Schöpfung. Dieser König befiehlt: „Jeder soll von seinem bösen Weg umkehren, von der Gewalttat, die an seinen Händen klebt.“ – Und ich möchte hinzufügen: „Setzt eure Füße auf den Weg des Friedens!“

Diese Hoffnung provoziert, weil hier fremde Völker, ja die ärgsten Feinde Israels, die Jahwe gar nicht kennen, größere Ehrfurcht zeigen als Jona zuvor und auch als Juda zur Zeit des Königs Jojakim. Die Niniviten fürchten den fremden Gott und kehren um. Jona lief vor ihm davon. Die Heiden machen es besser als Israel. „Stellt euch das einmal vor!“ predigt der Verfasser des Jonabuches.

Wie würde Jahwe darauf reagieren? Gilt Gottes Wort, das der Prophet nach endlosem Hin und Her endlich losgeworden ist: „Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört?“ – Gott sieht, was die Menschen in Ninive tun, erkennt ihre ernsthafte Umkehr und Buße. Gott reut das Unheil, das er angedroht hat, …“und er tat’s nicht!“

Ninive kommt davon, weil Gott kein Rachegott ist und kein Gewaltherrscher, dem es um’s Prinzip geht. Gott bleibt sich selbst als Schöpfer treu und verfällt nicht in Zerstörungswut. Er hat das Leben sehr gut geschaffen und will es erhalten, – ja Gott will es noch heute zum Frieden leiten. Gott geht es um alle seine Geschöpfe. Das Jonabuch bekennt sich zu einem provozierend weltoffenen Gott, zu einem Universalismus, der vielen Zeitgenossen des Verfassers damals zu weit ging. Wie es Pfr. Wehmann zum ersten Kapitel gepredigt hat, dass nach dem Wirken von Esra und Nehemia die meisten Israeliten auf Abgrenzung bedacht waren: „Israel sollte wieder einen klaren Kurs erhalten – ohne Seitenblick auf die Religionen der anderen Völker.“ 

Aber das Jonabuch hält dagegen und sagt: „Gott will die Rettung aller. Gott liebt alle seine Geschöpfe – auch die heidnischen Völker um Israel herum.“ Ein interreligiöser Dialog hätte schon damals gut getan und in der Geschichte viel Leid verhindern können.

Ich staune über diese Weite des Denkens und des Glaubens an Gott, dass durch sein Wort auch Unmögliches geschehen kann. Wenn man an Gott, den Schöpfer glaubt, dann ist diese Botschaft des 3. Kapitels nur konsequent. Der Schöpfer will alle seine Geschöpfe zur Umkehr bewegen. Brutale Gewalt soll nicht mehr regieren, sondern Gottes Schöpfung wieder das sein, was sie einmal war: sehr gut! …ein neuer Himmel und eine neue Erde, über die Kurt Marti wunderschön gedichtet hat: „Der Himmel, der kommt, das ist die Welt ohne Leid, wo Gewalttat und Elend besiegt sind. Der Himmel, der kommt, das ist die fröhliche Stadt und der Gott mit dem Antlitz des Menschen. Der Himmel, der kommt, grüßt schon die Erde, die ist, wenn die Liebe das Leben verändert.“

Die „große“ Stadt Ninive konnte zur fröhlichen Stadt werden durch ihren Wandel zum Guten und durch Gottes alles überragende Güte, – eine provozierende Hoffnung, die mir gut tut: Gott will diese Welt zum Ziel führen. Glauben wir so und helfen wir nach Kräften mit Leid, Gewalttat und Elend zu besiegen.

Wie aber kommt das alles nun bei Jona an, der so viel Mühe hatte auf Gottes Wege zurück zu finden? Jona, der Gottes Drohwort ausrichtete, das seine Wirkung durch die Umkehr der Niniviten verloren hat. Was sagt Jona zu diesem gnädigen Gott, der Mitleid hat, der so langmütig und barmherzig ist, dass er die ärgsten Feinde trotz ihrer Gewaltvergangenheit verschont, weil sie vom bösen Weg umkehren.

Für eine Antwort darauf spiele ich den Ball mit einem Steilpass weiter auf den anderen Andreas – Andreas Smidt-Schellong – , der am kommenden Sonntag zum Schlusskapitel predigen wird. Da können Sie sich schon drauf freuen!

Amen.

Gemeindeversammlung zur Kirchenwahl am 24.11. 2019

Wir laden Sie herzlich ein, sich am Sonntag, den 24.11.2019 nach dem Gottesdienst bei einer Gemeindeversammlung über die Möglichkeiten zu informieren, wie Sie selbst bei der Kirchenwahl kandidieren können bzw. eine andere Person vorschlagen können. Herzlich willkommen. 

Besuch der Klimentgemeinde, Prag in der DBG vom 11. -14.10.2019

Mitte November besuchten uns 7 Familien aus der Klimentgemeinde gemeinsam mit Pfarrer Balcar.
Näheres zum Besuch  finden Sie hier.

Der Seniorenfrühstückstreff ist umgezogen!

Ab dem 5. September trifft sich der Seniorenfrühstückstreff vierzehntäglich donnerstags nicht mehr im Begegnungszentrum Bültmannshof sondern im Dietrich-Bonhoeffer-Zentrum am Brodhagen.

Das aktuelle Programm finden Sie hier:

Neuer Flyer zu unserer Partnerschaft mit Quilmes erschienen

Ein Klick auf die Überschrift leitet Sie sofort zum neuen Flyer zu unserer Partnerschaft mit neuen Bildern und Informationen weiter.

Pragreise zur Klimentgemeinde im Oktober 2018

Reisebericht, Bildergalerie und Predigt zu dieser Reise finden Sie hier.

Bibelwoche in der 1. Januarwoche 2019

Mit dem Thema "Galaterbrief: Leseversuche" kam Frau Professorin Dr. Brigitte Kahl vom 2. bis 6. Januar in unsere Gemeinde.  Einen Rückblick finden Sie hier.

Predigtreihe 2018: Die Schöpfungserzählungen im 1. Buch Mose

Gründung der Umweltgruppe Grüner Hahn

Es werden noch Interessierte zur Mitarbeit gesucht. Nähere Informationen finden Sie unter dem Reiter "Gruppen - Umweltgruppe Grüner Hahn" oder durch Klick auf den grünen Hahn.