Ev. Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde Bielefeld Matthäuskirche

Predigt zum Thema: „Luther und die Bibel“ 7. Sonntag nach Trinitatis   30. 7. 2017

Liebe Gemeinde,

im Evangelium bringt es Jesus auf den Punkt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jedem Wort, das aus dem Mund Gottes kommt.“ Gottes Wort ist Lebensmittel verkündet uns das Evangelium. Wort, das Leben schafft, das uns zu leben hilft und uns ins ewige Leben führt. Wir brauchen es wie gute Nahrung. Jesus zitiert hier die Thora, Gottes Gesetz aus 5. Mose 8. Die ganze Bibel sagt uns, dass unser Leben gelingt, wenn wir uns an Gottes Wort ausrichten.

Martin Luther hat dieses Lebensmittel zu seiner Zeit wieder entdeckt. Nachdem er seine Kraft erlebt hatte, wollte er, dass alle Menschen um ihn her die Bibel – Gottes Wort - selbst lesen und entdecken können. Luthers Wirken ist ohne die Bibel nicht zu erklären. Sie war seine Lehrmeisterin, hierin hat er seine Überzeugungen gewonnen und auch den Mut, dafür einzustehen.

Weit in die Studienjahre zurück führt die Erinnerung des Reformators – bis ins Jahr 1505 -, dass er in Erfurts Universitätsbibliothek einst auf eine Bibel gestoßen sei, ein Handschrift in lateinischer Sprache. Sie war am Lesepult festgekettet, wie das bei ausliegenden, wertvollen Folianten damals üblich war. Damals schon hatte er sich gewünscht, auch einmal eine solche Bibel zu besitzen und studieren zu können. Da wusste er noch nicht, dass er 30 Jahre später eine in der Hand hält, übersetzt in deutsche Sprache. Schon damals meldete sich Luthers Neugier gegenüber der Schrift. Diese Neugier war die Triebkraft, die ihn tief in Gottes Wort eindringen ließ. Luther hat die Bibel häufig und in Gänze gelesen. In den ersten zehn Jahren – so berichtet er, habe er die Bibel zweimal im Jahr durchgelesen.

Die Predigtreihe in diesem Sommer handelt von Luthers Wirken. „Luther und die Bibel“ lautet mein Thema heute – und da geht es dann konkret um dieses Buch. >> eine faksimilierte Ausgabe seiner Bibel in Deutscher Sprache von 1545: „Die ganze Heilige Schrift, Deutsch, aufs neue zugericht. Dr. Martinus Luther, begnadet mit kurfürstlicher zu Sachsen Freiheit. Gedruckt zu Wittenberg, durch Hans Lufft.1545“, heißt es auf der Titelseite.

Der erste Satz auf der nächsten Seite ist dann allerdings Latein, den Luther aber sogleich auch übersetzt: „Verbum domini manet in aeternum! – Das Wort Gottes bleibt ewiglich.“ Das ist das Motto der Reformation aus Jesaja 40 und 1.Petrus 1 entlehnt. Auch hier wird Gottes Wort über alles gestellt. Nicht nur ist es Lebensmittel für Glauben und Tun zu jeder Zeit. Es ist ewige Wahrheit und Sinn darin zu finden, die nicht vergehen. Gottes Wort bleibt durch alle Zeiten bestehen. Seine Kraft versiegt nicht. Darin hatten die Reformatoren die entscheidende Autorität gegenüber den Dogmen der Kirche ihrer Zeit gefunden.

Die Bibel wurde mit Hilfe der Buchdruckkunst zum ersten Bestseller der Geschichte. Es ist bei weitem nicht die erste Übersetzung ins Deutsche. Aber es ist die erste deutsche Übersetzung, die verstehen konnte, wer des Lesens mächtig war. Denn sie wurde nach klaren Übersetzungskriterien angefertigt: 

Zunächst einmal hat Luther nicht allein gearbeitet Die Übersetzungsarbeit war Teamwork. Selbst die „Schnellübersetzung“ des NT auf der Wartburg hat Phillip Melanchthon noch durchgearbeitet, bevor sie erschien. Luther schreibt von der Wartburg nach Wittenberg: „Ich habe inzwischen mit der Bibelübersetzung angefangen, obwohl diese Aufgabe meine Kräfte bei weitem übersteigt. Nun erst entdecke ich, was Übersetzen eigentlich bedeutet und warum es bislang niemand gewagt hat, seinen Namen mit einem solchen Unternehmen zu verbinden. Das AT würde ich überhaupt nicht ohne eure Nähe und Hilfe bewältigen können… Die Aufgabe ist so groß und wichtig, dass wir alle daran schaffen sollten, da es ein öffentliches Werk ist und dem Gemeinwohl dient.“

So haben es die Wittenberger Theologen dann gehalten. Jeden Mittwoch und Donnerstag traf man sich bei Luther vor dem Abendessen zur gemeinsamen Übersetzungsarbeit. 1534 erschien die erste Wittenberger Vollbibel, die Vorläuferin dieser Ausgabe.

Das zweite Kriterium war der Sprachgebrauch. Um die eigene Sprache zu beherrschen und gezielt einzusetzen bei der Übersetzungsarbeit, „muss man dem Volk auf’s Maul schauen“. Wie es Luther sagte: „Man muss die Mutter im Haus, die Kinder auf der Gasse, den Mann auf dem Markt fragen und auf das Maul schauen, wie sie reden und danach übersetzen. So verstehen sie es auch und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“

Weiter kommt die Auswahl der Schriftquellen hinzu. Zu Luthers Zeit galt die Vulgata, die lateinische Übersetzung des Hieronymus, unangefochten als die Bibel. Die Wittenberger hatten aber schon das Neue Testament auf Griechisch in Händen, das erst 1519 von Erasmus von Rotterdam herausgegeben worden war. Sie nutzen auch die hebräischen Texte des Alten Testaments neben der Vulgata. Es ist klar, dass jede Übersetzung den Sinn verändern kann. Darum war der direkte Weg vom Hebräischen und vom Griechischen ins Deutsche ein wichtiges Kriterium.

So ist diese Bibel als Teamwork über viele Jahre hin entstanden und immer wieder überarbeitet worden. Damit haben die Wittenberger Theologen ein großes Werk vollbracht, das auch kulturgeschichtlich seine Spuren hinterlassen und die Entwicklung unserer Sprache stark beeinflusst hat.

Auch solche Ereignisse wie die Herausgabe des griechischen Neue Testament durch den Humanisten Erasmus haben es ermöglicht, die Vulgata zu hinterfragen, Übersetungsmängel herauszufinden und dann von der Schrift her auch die Grundlagen der damaligen Kirche zu befragen und zu kritisieren. Das Wort Gottes war für Luther und seine Mitstreiter die Messlatte für alle Theologie. 

Die Bibel wurde nicht recht ausgelegt durch den Papst oder durch die Scholastik, die mit Hilfe der griechischen Philosophen Aristoteles und Platon ihre Beweisführung anging. Luther hat häufig über Aristoteles gewettert. Seine Lehren als Philosoph stünden nicht über dem Wort Gottes. Die Bibel erklärt sich selbst.

Die Auslegung dieser alten Glaubenstexte der Menschheit ging deshalb mit der Übersetzung einher. Die Reformatoren haben das Schriftprinzip zum Maß erhoben: Gottes Wort in der Bibel allein ist Quelle und Autorität.

Und Gottes Wort braucht keine Lehrgebäude, kein wissenschaftliches System, um es zu deuten und zu verstehen. Die Bibel soll jedem Menschen zugänglich sein und ansprechen. Sie ist Gottes „Ur-Kunde“, sein „Ur-Wort“, seine „Ur-Botschaft“. In ihr finde ich Orientierung, - Halt und Kraft, - Werte und mein Lebensziel.

Für Luther ist der innerbiblische rote Faden der Bibelauslegung das, „was Christum treibet“. Genau heißt es bei Luther: „Was zum gekreuzigten Christus treibet, ist als Mitte der Schrift zu verstehen – das ist der Grundsatz des Paulus im 1. Kor: Wir predigen den gekreuzigten Christus, - den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.“

Luther hat dies bei Paulus entdeckt. Seine Rechtfertigungslehre hat Luther befreit. Aber Gottes schenkende Gerechtigkeit wird in der Bibel schon Abraham zuteil, und auch die Unterscheidung von Altem und Neuem Mensch durch Adam und Christus zeigt diese Tendenz der Auslegung. Jeder Schriftbeweis in den Evangelien zieht den Bogen vom Alten Testament ins Christusgeschehen. Gottes Weg mit uns Menschen führt durch alle Schriften der Bibel. Das macht es so spannend sie zu lesen.

Heutzutage haben wir gelernt, jede einzelne Schrift der Bibel wert zu achten. Der Glaube, der vielen Menschen, die sich in der Bibel äußern, hilft uns noch heute. Die Predigtreihe zum Jonabuch ist mir da in Erinnerung. Welche Toleranz und welch großes Verständnis von Gnade diese Schrift ausstrahlt.

Luther setzte sicher einen Anfang der Schriftexegese, aber sie geht immer weiter – jedes Mal, wenn wir die Bibel lesen und miteinander besprechen, und dabei auch die Erkenntnisse und Kommentare der Theologen nutzen.

Und das wollte Luther letztlich, dass alle Welt die Bibel lesen kann und Gottes Wort aus ihr „herausklopft“, wie er es mal in seiner Psalmenvorlesung nennt. Gottes Wort ist ein Lebensmittel für uns und bleibt unsere Herausforderung. Viele haben aber Mühe mit dem Bibellesen und geben es schnell auf, sie zu studieren. Dazu hat Luther sehr sprechende, bildhafte Worte gefunden, die ich uns zum Ende mitgeben möchte:

«Ich hab nun 28 Jahr, seit ich Doktor geworden bin, stetig in der Biblia gelesen und daraus gepredigt, doch bin ich ihrer nicht mächtig und find' noch alle Tage etwas Neues drinnen.» >> Das sagt auch uns: Bewahrt euch die Neugier auf etwas Neues aus der Bibel!

«Die Heilige Schrift ist ein Kräutlein; je mehr du es reibst, desto mehr duftet es. Wie das Wort ist, so wird auch die Seele davon.» >> Die biblische Botschaft hat heilende Überraschungen bereit! Jedes Mal, wenn wir darin lesen, – am besten mit anderen zusammen –, kann es passieren, dass wir einen hilfreichen, für unser ganzes Leben manchmal wegentscheidenden Gedanken mitnehmen können. Es lohnt sich, die Bibel aus dem Regal zu nehmen, sich inspirieren zu lassen und die Werte zu verinnerlichen, die wir schon bei der Taufe heute im Gottesdienst bedacht haben. 

«Ich lese die Bibel, wie ich meinen Apfelbaum ernte: Ich schüttle ihn, und was runterkommt und reif ist, das nehme ich. Das andere lasse ich noch hängen. Wenn ich eine Stelle der Bibel nicht verstehe, ziehe ich den Hut und geh vorüber.» > Luther hat Mut zur Lücke. Resignieren wir nicht sofort, wenn uns Bibelworte fremd bleiben. Lesen wir weiter und ernten wir die reifen Früchte – uns und unseren Mitmenschen zum Segen! Amen.

Andreas Heitland