Ev. Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde Bielefeld Matthäuskirche

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

Es ist der 31.Oktober 1517. Eine vermummte Gestalt schleicht sich zur Tür der Schlosskirche zu Wittenberg, schaut sich verstohlen um, dann greift sie in ihre Tasche, holt einige vollgeschriebene Bögen Papier, Nägel und einen Hammer heraus und – Hammerschläge ertönen von der Kanzel –  nagelt 95 Thesen an die Schlosstür.
Hammerschläge, die die Katholische Kirche bis ins tiefste erschüttern, zu großen politischen Veränderungen in ganz Europa führen, und mit der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus, der Erfindung des Buchdrucks und anderem zu den entscheidenden Wendepunkten vom Mittelalter zur Neuzeit gelten.

Doch mit höchster Wahrscheinlichkeit hat dieser Thesenanschlag durch Martin Luther – so hieß die vermummte Gestalt – nicht stattgefunden und ist eine reformatorische Legende. 

Dennoch feiern wir am 31.Oktober das Jubiläum „500 Jahre Reformation“, dennoch haben uns die 95 Thesen an unserer Kirchentür empfangen und hängen in 95 handgeschrieben Papierbahnen an den Seitenwänden unser Kirche (Ein herzliches Dankeschön an den Künstler Jürgen Rolfsmeier und seine Frau Susanne Glänzer aus Recklinghausen, die zusammen diese Kunstwerke erstellt und uns zur Verfügung gestellt haben) und haben die Neuzeit entscheidend mitgeprägt.

Um verstehen zu können, warum diese 95 Thesen die Welt veränderten, lassen Sie uns erst einmal einen Blick in die Gedanken- und Gefühlswelt des ausklingenden Mittelalters werfen:

Angst war das entscheidende Gefühl, das die einfachen Menschen beherrschte: Das fing schon im Elternhaus an. Vater und Mutter waren Respektspersonen, die von ihren Kindern ehrfurchtsvoll gesiezt wurden, die im Normalfall nicht die liebevollen Eltern waren, bei denen die Kinder jederzeit Liebe und Geborgenheit erfahren haben sondern Eltern, die ihre Kinder häufig mit Schlägen angetrieben haben, die strengen Erwartungen zu erfüllen. Nicht nur innerhalb der Familie, auch in der Schule und im öffentlichen Leben hatten die Menschen ständig mit körperlichen Züchtigungen zu rechnen. Ständige Angst beherrschte den Alltag. Doch am schlimmsten war die Angst vor dem, was nach dem Tod kommt. Die Vertreter der Kirche malten den Menschen in den schillerndsten Farben aus, welche Leiden sie im Fegefeuer erdulden müssen. Leider waren im Mittelalter in der Kirche die höheren Ämter zumeist nicht von Menschen besetzt, die sich aus ihrem Glauben heraus in der Kirche engagierten sondern von den zweit- und drittgeborenen Söhnen der Adeligen, deren ältere Brüder die weltlichen Ämter übernommen haben und so die jüngeren nun in der Kirche ihre Macht- und Wohlstandsgelüste erfüllten. 

Angst und Leiden erwartete die Menschen also nicht nur zu ihren Lebzeiten sondern noch schlimmer nach ihrem Tod.

Auch der junge Mönch Martin Luther war voll von Ängsten. „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ Das war sein großes Lebensproblem und er versuchte, Gott damit zu besänftigen, dass er sich streng an die Ordensregeln hielt, übermäßig fastete und sich selbst geißelte. Auch in der Bibel suchte er intensiv nach dem Willen Gottes.  Und eines Tages verstand er eine Bibelstelle aus dem Römerbrief plötzlich völlig neu: „Aus Glauben wird der Mensch gerecht!“ Luther verstand nun, dass seine ganzen bisherigen Bemühungen nicht nur nutzlos und unnötig waren. Ein Mensch kann Gott durch alles Bemühen nicht gnädig stimmen! Aber er braucht es auch nicht! Denn Gott ist von sich aus gnädig und schenkt dem Menschen das, was Luther sich erarbeiten wollte – allein aus Gnade. Gott erwartet nur, dass der Mensch ihm als Antwort darauf vertraut. Nur durch den Glauben, nicht durch irgendwelche Werke wird der Mensch vor Gott gerecht. Das war Luthers entscheidendes Turmerlebnis im Jahre 1515.

Zur damaligen Zeit zogen Prediger durch die Städte, die Rettung vor dem Fegefeuer versprachen und einer von ihnen kam nun auch nach Wittenberg: der Dominikaner Johannes Tetzel. Er malte seinen Zuhörern die Schrecken der Hölle und des Fegefeuers aus, erklärte aber auch, dass Jesus und die Heiligen so viele gute Taten angesammelt haben, dass die Zuhörer daran Anteil haben können. Es reiche aus, wenn sie ihm Ablassbriefe abkaufen würden und schon bräuchten sie keine Angst mehr vor dem Fegefeuer zu haben. Nachdem man dann für sein eigenes Seelenheil durch den Kauf der Ablassbriefe gesorgt habe, könnte man auch seine Eltern, Großeltern oder Kinder vom Fegefeuer freikaufen. Tetzel hatte eine Geldkiste dabei, auf der ein Teufel abgebildet war, der die Seelen im Fegefeuer quält. Darüber stand geschrieben: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt!“

 Als Luther davon hörte, konnte er es nicht fassen: Er hatte gerade die Entdeckung gemacht, dass der Mensch aus Glauben allein gerecht wird – und nun versucht dieser Prediger Tetzel, die Menschen um ihr Geld zu betrügen und das auch noch mit der unnützen „Werkgerechtigkeit“. Und er erkennt den Hintergrund der neuen Ablassbriefwelle: Der Papst in Rom braucht Geld, um den Petersdom weiterbauen zu können. Und so denkt Luther, dass da wohl einige Bischöfe nach des Papstes Bitte um Geld ohne Wissen des Papstes über das Ziel hinausgeschossen sind. Luther sagt darüber später: „Ich meinte, den Papst zu meinem Schutzherren zu haben, auf dessen Vertrauenswürdigkeit ich mich damals fest verließ“. 

Was tun? Als braver Ordensbruder und Theologieprofessor will er mit den Zuständigen ins Gespräch kommen. Und so schreibt er – heute würde man sagen: auf dem Dienstweg – an  Bischof Hieronymus Schulz von Brandenburg und Erzbischof Albrecht von Mainz-Magdeburg. Eine Abschrift bekommt auch Luthers Freund Johannes Lang in Erfurt. Um besser diskutieren zu können, schreibt er sein Anliegen in 95 Thesen auf und da seine Adressaten Gelehrte waren, schreibt er natürlich in der Kirchensprache Latein und gibt seinen 95 Thesen den Titel: „Disputation zur Klärung der Kraft der Ablässe“. Er wollte keine öffentliche Diskussion. Sonst hätte er den gleichen Weg beschritten wie wenige Wochen vorher am 4. September, als er seine 100 Thesen gegen die scholastische Philosophie des Thomas von Aquin und des Anselm von Canterbury dem Dekan der Wittenberger Universität zur Genehmigung vorgelegt hatte, der sie dann dem „Hausmeister der Universität“ zum Anschlag an allen Wittenberger Kirchentüren, die die „schwarzen Bretter“ der damaligen Zeit waren, übergeben hat. 

Der junge Luther war damals übrigens noch kein prinzipieller Gegner des Ablasses, wie in seinen 95 Thesen deutlich wird: Auch er war noch der Meinung, dass das „Gutsein“ von Jesus und den Heiligen das „Schlechtsein“ der Menschen ausgleichen könne – aber doch nicht für Geld! Es ist ein Geschenk, wie auch die ganze Gerechtigkeit vor Gott ein Geschenk ist, aus Gnade und Glaube – nicht für einen Geldbetrag. Und die Buße, also die Reue, die Einsicht in das Fehlverhalten und die Umkehr sind notwendig. So kann ein Ablassbrief nichts bewirken, da die Reue fehlt. Und die fehlt natürlich auch bei Menschen, die schon verstorben sind. Gute Taten sind besser als jeder Ablassbrief – aber nicht als frommes Werk, sondern als sichtbares Zeichen der Liebe, die Gott sich unter den Menschen wünscht. 

Nicht nur die Inhalte der Ablasspredigten auch die äußere Form prangert Luther in seinen Thesen an: Die Ablassprediger verbieten alle anderen Gottesdienste und Predigten, wenn sie an einem Ort sind und predigen jeden Tag nur über die Ablassbriefe und ihre Wirkung. 

In anderen Thesen zählt Luther dann viele Fragen auf, die durch die Ablassbriefe aufgekommen sind und die sich schnell klären ließen, wenn der Ablass nach dem Willen des Papstes gepredigt würde. Also müssen diese falschen Ablassprediger gestoppt werden. Und das versucht er mit seinen Briefen mit den 95 Thesen an die Bischöfe und wartete nun gespannt auf deren Reaktion. Doch Wochen vergingen und nichts geschah. 

Da wurden seine Wittenberger Freunde gegen Ende des Jahres 1517 aktiv. Sie übersetzten die 95 Thesen ins Deutsche, druckten sie in einer hohen Auflage und verteilten sie als Flugblätter. Luther selbst hat später dazu gesagt: „ dieselben liefen schier in vierzehn Tagen durch ganz Deutschland, denn alle Welt klage über den Ablass, sonderlich über Tetzels Artikel.“ Denn im Januar 1518 hatte Tetzel 109 polemische Thesen gegen den kleinen frechen Mönchsdozenten aus Wittenberg geschrieben. Im Juni 1518 hat der ehemalige Inquisitor Tetzel noch einmal 50 weitere Thesen nach Wittenberg bringen lassen und Luther mit der Eröffnung eines Inquisitionsverfahrens gedroht. 

Erst durch die Aktion der Wittenberger Freunde Luthers, nicht durch einen Thesenanschlag kamen die 95 Thesen in Umlauf. Woher kommt nun aber die bekannte Legende vom Thesenanschlag Luthers? Luther selbst hat nie etwas davon erwähnt – noch nicht einmal bei den vielen Tischreden vor den Kostgängern seiner Frau Käthe. Es war Luthers lebenslanger Freund Philip Melanchthon, der im Vorwort zum zweiten Band der gesammelten Werke Martin Luthers schrieb: „Luther, brennend vor Eifer für die rechte Frömmigkeit, gab Ablassthesen heraus. Diese hat er öffentlich an der Kirche in der Nähe des Wittenberger Schlosses am Vortage des Festes Allerheiligen 1517 angeschlagen.“ Aber das schrieb Melanchthon lange nach Luthers Tod, etwa 40 Jahre nach dem angeblichen Thesenanschlag. Ein Augenzeuge des Thesenanschlages konnte Melanchthon nicht sein, denn er kam erst rund ein Jahr später 1518 nach Wittenberg. Vielleicht verwechselte Melanchthon es mit dem Thesenanschlag der 100 antischolastischen Thesen acht Wochen vorher, so wie er zum Beispiel auch bei Luthers Lehrtätigkeit irrte, denn er schrieb, dass Luther Physik gelehrt habe.

Es ist also höchst wahrscheinlich, dass der Thesenanschlag der 95 Thesen nicht stattgefunden hat. Dennoch verbreiteten die Thesen sich innerhalb kürzester Zeit in ganz Deutschland und veränderten nicht nur die Welt damals sondern legten den Grundstein dafür, dass heute in der evangelischen Kirche jeder Christ und jede Christin nicht nur die Freiheit hat sondern regelrecht dazu aufgefordert ist, nicht einfach den Worten zu folgen, die irgendein Pfarrer – und sei er noch so berühmt – von der Kanzel verkündet, sondern sich mit Hilfe der Bibel eine eigene Meinung zu allen Glaubensdingen zu bilden und diese auch selbst zu verantworten. 

Wir haben in den vergangenen Tagen leider in Barcelona wieder einmal auf schreckliche Weise erleben müssen, wohin es führt, wenn Menschen sich unkritisch von religiöse Demagogen beeinflussen lassen. 

Martin Luther hat uns vor 500 Jahren mutig vorgelebt, wie wichtig es ist, trotz aller Drohungen für das Einzustehen, was man als richtig erkannt hat. Er hat Freunde gefunden, die ihn dabei unterstützt und geschützt haben und hat damit einen wichtigen Beitrag auf dem Weg vom Mittelalter in die Neuzeit geleistet. Mit seinen 95 Thesen hat Luther „den Teufel mit Tinte vertrieben“ – nicht mit dem Wurf eines Tintenfasses, wie es in einer weiteren Reformationslegende behauptet wird – sondern mit der Wirkung, die diese 95 Thesen auf viele Zeitgenossen Luthers und die Weltgeschichte hatten.

Meine lieben Kollegen und Freunde haben in den letzten drei Wochen schon viel von Martin Luther erzählt: Andreas Heitland von Luthers Verständnis der Bibel, Uli Wehmann von Luthers Umgang mit den Frauen der Reformation, Andreas Smidt-Schellong von Luthers verschiedenen Einstellungen zu den Juden. Wer eine ihrer Predigten verpasst hat, kann sie auf unserer Gemeindehomepage nachlesen. Heute haben wir zusammen über die 95 Thesen nachgedacht. 

Und es gäbe noch viele weitere interessante Themen: zum Beispiel Luthers Schrift „von der Freiheit eine Christenmenschen“ und welche Rolle sie bei den Bauernkriegen gespielt hat. Oder Martin Luthers Einstellung zu den Frauen: Er hat in seinem Testament seine Ehefrau Katharina von Bora, die er oft liebevoll „Herr Käthe“ nannte, zu seiner Erbin eingesetzt, obwohl Frauen damals kein Erbrecht hatten. Emanzipatorische Gedanken schon im ausklingenden Mittelalter!  Und viele interessante Themen mehr.  

Martin Luther war kein Heiliger. Er war ein mutiger Mann, der Gedanken hatte, in denen er seiner Zeit weit voraus war, der aber in anderen Dingen durchaus ein Kind seiner Zeit war, so dass wir über seine Ansichten damals heute nur den Kopf schütteln können. Doch ich bin überzeugt, dass wir ohne ihn und sein mutiges Eintreten für seine Überzeugungen heute nicht in Freiheit unsere unterschiedlichen Meinungen zu Glauben und Politik frei und offen vertreten könnten.

Neben den vielen anderen wichtigen Aussprüchen, Schriften und Büchern Martin Luthers ist ein weiterer wichtiger Satz Luthers überliefert:

„Tritt fest auf, mach’s Maul auf, hör bald auf.“

Und so will ich es auch halten.

Amen.