Luther und die Frauen der Reformation: Pfarrer Ulrich Wehmann am 6.8.2017

Predigtreihe 2017: Luther und die Frauen der Reformation

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Ich lese Ihnen zum Anfang einen Text – geschrieben im Jahr 1524 in Straßburg:

Paulus sagt: Die Weiber sollen schweigen. Antworte ich: Weißt aber nicht auch, dass er sagt Galater 3: In Christus ist weder Mann noch Weib; und dass Gott im Propheten Joel sagt: Ich werde ausgießen meinen Geist und eure Söhne und Töchter werden weissagen.

Ich begehre nichts anderes, als dass wir möchten selig miteinander werden. Dazu helfe uns Gott durch Christus, seinen lieben Sohn. Amen.

Ich sage Ihnen gleich, woher dieser wunderbare Text stammt. Eins verrate ich schon: er stammt von einer Frau, die den Sinn der Reformation begriffen hat.

Liebe Gemeinde!

Vor einigen Wochen haben wir alle – sofern wir Mitglieder der ev. Kirche von Westfalen sind – einen Brief unserer Präses Annette Kurschus erhalten. An einer Stelle heißt es, dass durch Martin Luther und durch den Beginn der Reformation vor 500 Jahren viele Veränderungen in Kirche und Welt vollzogen wurden. Eine entscheidende Veränderung gegenüber der katholischen Kirche zeige sich im Pfarramt für Frauen.

Hier habe sich die ev. Kirche grundlegend erneuert – im Unterschied zur katholischen Kirche, die das Amt der Priesterin bis heute ablehnt und  - jetzt füge ich eine eigene Anmerkung hinzu -  die sich heftig darüber streitet, ob Frauen möglicherweise geweihte Diakoninnen sein können oder nicht. Der jetzige Papst möchte diese Frage prüfen. Einflussreiche Kardinäle lehnen schon die Prüfung dieser Frage vehement ab.

Allerdings: die erste ev. Gemeindepfarrerin wurde erst 1958 in Lübeck in ihr Amt eingeführt. Und gegenwärtig gibt es einige lutherische Kirchen im Baltikum oder in Afrika, die die Ordination von Frauen wieder abschaffen wollen. 

Wie tiefgreifend war denn nun die Erneuerungskraft der Reformation im Blick auf die Frauen in der Kirche und ganz besonders im Blick auf die Frauen im geistlichen Amt?

Als Martin Luther im Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen den Ablass schrieb, gingen diese Thesen in Windeseile durch die deutschen Lande und durch die europäischen Länder. Es war ein Aufbruch ohnegleichen. Die Bibel selbst wurde zum Ausgangspunkt der Theologie und nicht mehr die päpstliche Macht, die Auslegung der Bibel vorzuschreiben. In der Bibel gibt es keine Ablassbriefe – also, so sagt es Martin Luther, können die Ablassbriefe seiner Zeit auch keine Menschenseele retten. Die Einnahmen des Ablasses helfen nur der Kasse des Papstes und des Bankhauses Fugger.

Indem die Bibel selbst zum Bezugspunkt des Glaubens wurde, änderte sich nicht alles, aber fast alles in der Kirche.

Ein Beispiel: die Bibel sagt nichts über die Weihe von Priestern und Bischöfen. Deshalb sind wir – so Luther – durch die Taufe alle zum Priesteramt berufen.

Und weil zum Priestertum aller Gläubigen Männer und Frauen gehören, erlebten die Frauen eine große Aufwertung in der Kirche. Luther forderte eine gute Schulbildung für Jungen und Mädchen und lehnte das zölibatäre Leben von Priestern, Nonnen und Mönchen  ab. Luther war Motor eines starken Durchbruchs im Blick auf die neue Situation von Frauen in der Kirche. Aber Luther blieb auch ein Kind seiner Zeit – wie man so sagt-. Drei Lutherworte sollen das verdeutlichen: „ Weiberregiment hat nie etwas Gutes ausgerichtet.“ „Es ist kein Rock, der einer Frau oder einer Jungfrau so übel ansteht, als wenn sie klug sein will.“ Und als drittes: „Gott schuf Mann und Frau: die Frau sich zu mehren und den Mann zu nähren und zu wehren.“  Damit blieben die alten Rollenmuster erhalten.

Das Problem war nur: Luther hatte mit Katharina von Bora eine kluge Frau geheiratet. Und Katharina von Bora hat nicht nur die Kinder bekommen, sondern auch für Luther theologische Briefe geschrieben und bei den berühmten Tischgesprächen im Hause Luther zu Glaubensfragen Stellung bezogen. Zu seinem Lebensende hat Luther seine Frau als Erbin eingesetzt, was rechtlich eigentlich noch gar nicht möglich war. Frauen brauchten einen Vormund und waren keinesfalls rechtlich eigenständig. Martin Luther ging also viele Schritte vorwärts und blieb aber manchen Schritt zurück. Auf solche Rückwärtsschritte bezog sich 1958 der damalige Bischof in Hamburg, der dagegen wetterte, dass in Lübeck eine Frau nicht nur für Mädchen und Frauen, sondern für alle Gemeindemitglieder geistlich verantwortlich sei.

Gott sei Vater – rief der Bischof. Und Frauen können nicht väterlich sein – und damit auch keine Gemeindepfarrerin. Aber unser Gott hat viel Humor: deshalb wurde zu ersten lutherischen Bischöfin Maria Jepsen gewählt – als Bischöfin von Hamburg.

Viele Frauen zur Zeit der Reformation nahmen die Schritte nach vorne ernst: zunächst die Ehefrauen der Reformatoren, dann die evangelischen Fürstinnen der Reformation und eine Reihe von Frauen, die wir heute als eigenständige Theologinnen bezeichnen würden. Es sind Frauen, die meiner Meinung nach Erstaunliches geleistet haben und bis heute für uns ein Vorbild sein sollten. 

Die erste wichtige Gruppe der Frauen in der Reformationszeit waren die Frauen der Reformatoren, die allesamt das ehelose Leben als Priester beendeten.

Katharina von Bora kennen wir. Als Martin Luther die geflohene Nonne an einen seiner Schüler verheiraten wollte, sagte sie: „Nein. Wenn ich heirate, heirate ich Euch, Herr Doktor, oder den Amsdorff!“  Diese klare Ansage hat den guten Bruder Martinus aus dem Konzept gebracht. Mit dem Gehorsam einer Nonne hat das neue Selbstbewusstsein der Katharina von Bora nichts mehr zu tun.

Auch der Reformator von Zürich – Ulrich Zwingli – hat geheiratet. Mit Anna Reinhart lebte er zunächst in sog. „geheimer Ehe“ zusammen. Andere sagen: es war eine illegitime Liebschaft eines armen Priesters mit einer vermögenden Frau. Wie Katharina von Bora musste sie sich viele hämische Böswilligkeiten gefallen lassen. Nur die Anhängerinnen und Anhänger der Reformationen befürworteten ja die Priesterehe. 

Elisabeth Cruciger – die Ehefrau des Wittenberger Reformators Casper Cruciger – dichtete eines der ersten lutherischen Kirchenlieder. Dies zeigt ihre hervorragende theologische Bildung. Und Wibrandis Rosenblatt heiratete gleich drei Reformatoren nacheinander: in Basel den Mitstreiter Zwinglis Johannes Oekolampad und in Straßburg die Reformatoren Wolfgang Capito und Martin Bucer.

An ihrer Person wird deutlich, dass auch der neue Aufbruch im Blick auf Liebe und Familie durch die Reformation nicht vor dem Leid jener Zeit gefeit war. Die Pest zerstörte oft das Glück der Reformatoren und ihrer Frauen. Wer versorgt die Witwen? Wer bietet den Kindern eine Lebensperspektive? Es gab nur eine Möglichkeit: Witwer heirateten Witwen.  Aus diesem Grund heiratete Wibrandis Rosenblatt drei Reformatoren, die sich alle untereinander gut gekannt hatten. Auch Wibrandis Rosenblatt sah sich der Häme des berühmtesten Gelehrten zur damaligen Zeit ausgesetzt.

Erasmus von Rotterdam sagte öffentlich: Wibrandis sei eine elegante und blühende Frau. Aber ihre Männer seien alt, mager und erschöpft und hätten ein zitterndes Haupt. Damit wollte Erasmus ihre Partnerwahl ins Lächerliche ziehen. Insgesamt warf Erasmus allen Reformatoren vor, dass sie durch ihre Ehen ein Leben in Unzucht führten, weil sie den priesterlichen Zölibat missachtet hatten.

Kirchengeschichte ist leider oft eine von Männern geschriebene Geschichte. Erst seit wenigen Jahren wissen wir, dass die Reformation nicht nur durch berühmte Männer wie Friedrich den Weisen, also durch Fürsten und Kurfürsten, sondern auch durch Fürstinnen in deutschen Landen Verbreitung fand. Sie sind die zweite Gruppe der Frauen der Reformation.

Elisabeth von Calenberg-Göttingen, die mit Martin Luther in engem Briefkontakt stand, führte nach dem Tod ihres katholischen Ehemannes in ihrem Herrschaftsbereich die Reformation ein. Deshalb erhielt sie die Ehrenbezeichnung einer „Reformationsfürstin“. Sie legte den Grundstein für die Entstehung der Hannoverschen Landeskirche und sorgte für den geordneten Übergang der Klöster in reformatorische Hände. Andernorts wurden Klöster ja geplündert und zerstört – aus Wut über die Macht der Orden. Das Michaeliskloster in Hildesheim oder auch das Kloster Loccum sind ja bis heute berühmte Orte evangelischer Bildung in der Landeskirche Hannover.

Wer von Ihnen einen reformierten Konfirmandenunterricht erhalten hat, kennt den Heidelberger Katechismus. Marie von Brandenburg-Kulmbach und ihr Ehemann Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz haben in der Kurpfalz die Reformation eingeführt. Die Kurfürstin vertrat die lutherische Linie. Ihr Mann war eher reformiert gesonnen, lehnte aber mit Rücksicht auf seine Frau manche schroffen Glaubenssätze des Calvinismus ab. In ihrer beider Regentschaft entstand der Heidelberger Katechismus.

Nicht nur der Fürst, sondern auch die Fürstin hatten den Wunsch, dass die katholische Lehre abgelöst wurde und die verschiedenen reformatorischen Richtungen zum Zuge kamen.

Zum Schluss die dritte Gruppe: die eigenständigen Theologinnen zur Zeit der Reformation. Zwei Frauen haben hier eine besondere Bedeutung: Argula von Grumbach und Katharina Zell.

In meinem Studium habe ich von beiden nichts erfahren. Erst in den letzten Jahren bin ich darauf aufmerksam geworden, dass die Reformation nicht nur mit Männern wie Luther, Zwingli und Calvin zu tun hat.

Argula von Grumbach war eine bayrische Adelige, die seit 1522 mit Luther, Melanchthon und anderen Reformatoren in einem regen Briefwechsel stand. Ein Jahr später wurde dem lutherisch gesinnten Magister Seehofer in Ingolstadt der Prozess gemacht. In Bayern war es bei Todesstrafe verboten, lutherisch zu predigen. Wo waren die Männer, die den armen Magister verteidigten?  Keine Stimme erhob sich. Argula von Grumbach, die sich präzise Bibelkenntnisse angeeignet hatte, forderte deshalb als Frau die Theologieprofessoren in Ingolstadt zum Streitgespräch auf. In einem weit verbreiteten Flugblatt schrieb sie: ich finde in der Bibel keine Stelle, die belegt, dass Christus jemanden eingekerkert, gebrannt noch gemordet oder das Land verboten hat.

Auch wenn es heißt, dass die Frauen schweigen sollen in der Gemeinde, so spricht Christus bei Matthäus im 10.Kapitel: wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater!  Zum Bekenntnis Jesu Christi sind Männer und Frauen gleichermaßen aufgerufen. Und den Ingolstädter Professoren schärft sie ein: ich habe euch kein Frauengeschwätz geschrieben, sondern das Wort Gottes als Glied der christlichen Kirche.

Argula hat keine Antwort aus Ingolstadt erhalten, aber ihre Flugschrift zugunsten des Magisters Seehofer fand eine rasche Verbreitung. Rasch waren auch die Konsequenzen. Ihr Mann verlor seine Stellung im Dienst der bayrischen Herzöge. Die Ehe und die Familie brachen auseinander. 1530 hat Argula Martin Luther auf der Veste Coburg besucht. Aber Luther hat sich nie öffentlich zu dieser mutigen Frau bekannt. Frauen als theologische Gesprächspartnerinnen – das lag außerhalb seiner Vorstellungswelt.

Die profilierteste Theologin der Reformationszeit war Katharina Zell aus Straßburg. Von ihr stammt das Zitat, das ich zu Beginn vorgelesen habe. Auch sie war die Ehefrau eines Reformators. Als 26jährige hatte sie den 20 Jahre älteren Matthäus Zell im voll besetzten Straßburger Münster geheiratet. Aber sie war auch theologische Schriftstellerin, eine Art Hilfsgeistliche ihres Mannes und Pionierin evangelischer Diakonie.

Nach der Heirat wurde sie mit ihrem Mann vom Straßburger Bischof exkommuniziert und mit dem päpstlichen Bann belegt. In einer öffentlichen Flugschrift verteidigte sie die Priesterehe und führte aus, dass der Zölibat nur Heuchelei hervorrufe. Von einem Straßburger Priester – so wüssten es alle Bürger und Bürgerinnen der Stadt - seien gleichzeitig sieben Frauen schwanger. 

Zwingli und Luther waren sich in vielem einig. Aber in der Abendmahlsfrage gab es konträre Ansichten. Katharina Zell, die sowohl zu Luther als auch Zwingli Kontakt hielt, schrieb Luther einen mahnenden Brief mit dem entscheidenden Hinweis: er solle die Lehrstreitigkeiten nicht über die brüderliche Liebe stellen. Mit diesem Brief war Katharina Zell ihrer Zeit meilenweit voraus. Theologisch war sie eine Wegbereiterin für eine Verständigung zwischen allen reformatorischen Richtungen, die erst vor 40 Jahren umgesetzt wurde: trotz aller Unterschiede sollen Lutheraner und die Anhänger Zwinglis und Calvins mit-einander Abendmahlsgemeinschaft haben.

Katharina Zell kümmerte sich um Flüchtlinge und Pestkranke. Sie hielt Kontakt zu den Wieder-Täufern, obwohl sie deren Positionen nicht teilte. Aber Gewalt gegen die Täufer lehnte sie – anders als Luther, Zwingli und Calvin –  im Namen Christi ab.

Bei der Beerdigung ihres Mannes ergriff sie mit einer   eigenen Grabpredigt das Wort. Auch eine sog. „Täuferin“ hat sie christlich beerdigt, weil die protestantischen Pfarrer keine sog. Ketzer bestatten wollten. Gott habe ein weites Herz und grenze keine Menschen aus – das war ihr reformatorisches Glaubensbekenntnis.

Katharina Zell bezeichnete sich selbst als eine „langjährige Kirchenmutter“. Besser kann man es nicht sagen. Wir haben also nicht nur mit den Reformatoren sog. Kirchenväter, sondern wir haben auch Kirchenmütter, die uns in der Reformationszeit entscheidende Impulse gegeben haben.

Was lernen wir heute aus dem vielfältigen und lebendigen Aufbruch in der Reformationszeit?

1. Ohne Frauen und ohne das Pfarramt für Frauen wären wir eine geistlich verarmte Kirche.

2. Frauen in der Reformationszeit vertraten eine Toleranz und eine Weite, die wir bis heute bitter nötig haben. Die Reformatoren selbst waren oft in dem Anspruch gefangen, dass nur die eigene Position  die Wahrheit zum Ausdruck bringt. Dies führt leider schnell zur Rechthaberei.

3. Gewalt hat in der Kirche keinen Platz. Machtgehabe gegen andere hat in der Kirche nichts zu suchen.

4. In Christus ist weder Mann noch Frau, weder Jude noch Grieche, weder Sklave oder freier Bürger – wir sind allesamt eins in Christus. Dieses Wort des Paulus aus dem Galaterbrief gilt. Es gilt auch gegenüber anderen Kulturen in anderen Ländern mit anderen Sprachen. Wer andere ausgrenzt oder herabsetzt, hat das Evangelium nicht auf seiner Seite.

Ich bin dankbar, dass uns die Frauen der Reformationszeit unseren evangelischen Horizont in wunderbarer Weise geweitet haben.

Gerade im Reformationsjahr sollten wir das nicht vergessen.

Amen.

Auch in diesem Jahr gibt es wieder eine fortlaufende Predigtreihe über vier Sonntage in den Sommerferien, jeweils um 10.30 Uhr im Gottesdienst in der Matthäuskirche. Wurden im letzten Sommer Liedpredigten zu frühen Liedern der Reformation gehalten, so soll in diesem Jahr der Reformator Martin Luther und sein Denken im Mittelpunkt stehen.