Ev. Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde Bielefeld Matthäuskirche

EG 67 „Herr Christ, der einig Gotts Sohn“ von Elisabeth Cruciger 31.Juli 2016 Pfarrer Andreas Heitland

Liebe Gemeinde,

die Reformbedürftigkeit der Kirche zur Zeit Luthers und der Reformatoren muss groß gewesen sein – auch in den Augen vieler anderer. So schnell haben sich die Gedanken der Reformation ausgebreitet. Besonders bei all denen, die immer schon die Bibel studiert haben, bei Priestern und Nonnen in den Klöstern. Erstaunlich ist, wie viele Frauen bereits am Anfang zur Stelle sind und diese Bewegung mittragen, sie fördern und sich mit ihren Gedanken einbringen. Wie eben Elisabeth Cruciger, die unser Lied gedichtet hat. Ich habe einen kurzen Überblick über ihre Biographie auf dem Handzettel abgedruckt und muss das hier nicht alles wiederholen. Sie floh 1522 aus ihrem Kloster in Treptow in Pommern und folgte Johanns Bugenhagen nach Wittenberg. Er hatte in Treptow als Bibellehrer gewirkt und im Männerkloster nebenan gelebt.

Das Lied 67 ist über nun fast 500 Jahre hin in den Gesangbüchern mit der originalen Melodie aus der damaligen Zeit überliefert worden. Das konnte ich im Nachdruck des Erfurter Enchiridion entdecken.

Die reformatorische Bewegung war für viele Frauen, - Nonnen in Klöstern aber auch adelige Frauen -, eine Ermutigung zum Aufbruch. Sie meldeten sich in der Reformation zu Wort: Argula von Grumbach in Bayern, Ursula Weyda in Eisenberg-Thüringen, Katharina Zell in Straßburg und eben auch Elisabeth Cruciger.

Argula von Grumbach erregte großes Aufsehen, weil sie sich für den jungen Magister Seehofer (wohl ein geläufiger Name) eingesetzt hat. Er war gezwungen worden seine Lehre zu widerrufen und dann ins Kloster Ettal verbannt worden. Darüber hat sie sich gewaltig aufgeregt. Sie hat an den Herzog und die Uni Ingolstadt Sendschreiben verschickt. Sie verfasste auch zwei Schriften, in denen sie glasklar, biblisch-theologisch argumentierte, wie es für die reformatorische Bewegung üblich ist. 

Katharina Zell mahnte im Abendmahlsstreit der Reformatoren mehr Weitherzigkeit an, um „Frid und Einigkeit zu erhalten“. Ihr Standpunkt ist leider erst mit der Leuenberger Konkordie 1973 verwirklicht worden. Da hätten die Männer doch besser früher auf die Frau an ihrem Tisch hören sollen.

All diese Frauen der Reformation traten dafür ein, dass Frauen und Männer in gleicher Weise von Gott sprechen können. Und dass sie das auch sollen! Sie sind allesamt bibelkundig, formulieren Glauben und Bekenntnis von der Schrift her. Sie positionieren sich öffentlich, oft über Flugblätter und nehmen dabei Konflikte in Kauf. 

Und sie sorgen in ihren Häusern für Studierende, Flüchtlinge und Hilfesuchende durch eine straffe Wirtschaftsführung wie Katharina von Bora in Wittenberg, Wibrandis Rosenblatt in Basel und viele andere. Diese Stützpunkte der Reformation waren ja quasi mittelständische Betriebe mit Häusern, eigenen Ländereien, Landwirtschaft und Pensionsbetrieb, - gastfreie „Willkommens – Häuser“ für alle, die sich von der Bibel neu bewegen ließen.

Über Elisabeth Cruciger ist über ihr Lied hinaus nicht mehr viel zu finden. Sie wird in Luthers Tischreden erwähnt, was zeigt, dass sie auch dort kräftig mitdiskutiert hat. Ihr Lied zeugt von hoher Bildung, sprachlicher Gewandtheit und profunder Bibelkenntnis. Die Heilige Schrift wieder zur Geltung zu bringen gegenüber kirchlicher Tradition, die das Evangelium oft ins Gegenteil verkehrt hat, - wie der Ablassgedanke oder das Herrschaftsverständnis des Papstes, - das war ihr Ding. Von der Heiligen Schrift her Kirche zu erneuern, - das hat diese Frauen und Männer damals elektrisiert und hat sie zusammengeführt.

Elisabeth Crucigers Lied: „Herr Christ, der einig Gott‘s Sohn…“ ist „ein Lobgesang von Christo“ überschrieben. Es ist wie ein Glaubensbekenntnis über den 2. Artikel gedichtet, - klar, sachlich in seiner Botschaft und empfindsam.

Handelte letzten Sonntag Luthers Lied „Nun freut euch lieben Christen g’mein…“ davon, wie er um Gottes Gnade gerungen hat, kämpfend, vom Teufel gefangen, selbst nichts Gutes an sich findend – also eine sehr palaktive und emotionale Dichtung - so empfinde ich Elisabeth Crucigers Dichtung gelassener und feiner. 

Sie erfüllt mit diesem Lied die pädagogische Aufgabe, die die Wittenberger mit ihren Liedern und auch mit dem Handbüchlein aus Erfurt, - den 25 Liedern und einem Glaubensbekenntnis darin - gesehen haben. In der Überschrift zu diesem zweitältesten Gesangbuch der Reformation heißt es: „Ein Enchiridion oder Handbüchlein, einem jetzigen Christen fest nützlich bei sich zu haben, zur steten Übung und Betrachtung geistlicher Gesänge und Psalmen, recht-schaffen und künstlich verdeutscht. 1524“

Rechtschaffene Bibelverkündigung und kunstvolle Dichtung sollten zusammenkommen. All das zu einem Zweck – nämlich: „Mit diesen und dergleichen Gesängen soll man billig die junge Jugend auferziehen.“ 

Dieses pädagogische Konzept, die Botschaft der Bibel und des Glaubens durch Lieder verstehen zu lernen, wirkt ja bis heute nach. Wir alle haben in unserem Konfirmationsunterricht noch unzählige Lieder aus dem Gesangbuch auswendig gelernt. Inzwischen schätze ich die große Auswahl an Liedern aus allen Jahrhunderten in unserem Gesangbuch als einen Schatz durchlebten Glaubens. Und ich freue mich, dass noch heute neue Lieder und Aussagen gedichtet werden, um den Glauben in unsere Zeit zu tragen. Ich erlebe ja die Freude und das fröhliche Singen neuer Lieder häufig in der Kinderkirche.

Diesem Bildungsanspruch wird das Lied von Elisabeth Cruciger mehr als gerecht: Das Lied beinhaltet in seinen ersten beiden Strophen die Heilsgeschichte und das Werk Jesu Christi für die Menschheit. 

Schauen Sie ruhig auf den Text im Gesangbuch: In kurzen präzisen Gedanken wird hier der 2. Artikel des Glaubensbekenntnisses besungen. Vermutlich hat sie in Anlehnung an das Bekenntnis von Nizäa formuliert. Dann nur dort wird so intensiv betont, dass Jesus Christus aus dem Vater geboren sei, also in Gott entsprungen vor aller Zeit. Und auch das zweimalige „für uns“ ist im Nicänum prägend. „Für uns“ ein Mensch geboren“ beginnt die zweite Strophe. Und „den Tod für uns zerbrochen“ hebt E. Cruciger ebenso die Heilstat Christi hervor. Es geht in Gottes Wirken in Christus um uns, seine Geschöpfe, die Menschheit. Für uns ist es geschehen. Für uns ist er Mensch geworden. An dieser Stelle in der zweiten Strophe haben wir im Gesangbuch heute einen anderen Text als im Original. Die kirchliche Redaktion hat da wohl zugeschlagen und den Hinweis auf die Jungfrauengeburt herausgenommen. Elisabeth Cruciger hat ganz dem Nicänum entsprechend gedichtet: Für uns ein Mensch geboren im letzten Teil der Zeit… der Mutter unverloren ihr jungfräulich Keuschheit. Christus ist von Gott geboren und ist  Mensch geworden durch die Jungfrau Maria – so bekennt es das Nicänum.

Und Elisabeth Cruciger dichtet weiter: Er hat den Tod zerbrochen, hat den Himmel aufgeschlossen, das Leben wiedergebracht. So bekennt Sie den christlichen Glauben in ihrem Lied, wie sie ihn aus der Bibel und dem alten Bekenntnis von Nicäa her erkannt hat, damit viele davon singen und diesen Glauben wert achten gegenüber so vielen Verdrehungen der Wahrheit in der damals existierenden Kirche.

Elisabeth Cruciger findet schöne Bilder, um ihre Bewunderung niederzuschreiben und das Lob auf Christus zu singen. Sie nimmt als erste den Gedanken aus der Offenbarung 22,16 auf, wo Christus mit alttestamentlichem Bezug spricht: „Ich bin der Spross aus der Wurzel und dem Geschlecht Davids, der helle Morgenstern“ Sie nutzt dieses Wort in ihrem Lied als strahlendes Symbol für Christus, der als Erlöser heller strahlt als alle anderen. So hebt sie die Bedeutung Jesu hervor. Man kann vermuten, dass 75 Jahre später Philipp Nicolai von ihrer Dichtung angeregt war, sein Epiphaniaslied zu dichten: „Wie schön leuchtet der Morgenstern, voll Gnad und Wahrheit von dem Herrn, die süße Wurzel Jesse.“

Das hat er sicher von Elisabeth Cruciger übernommen, denn sie spricht in der 2. Strophe von der „Süßigkeit im Herzen“. Das ist ein sprechendes Bild, um ihr Glück über die Verbundenheit mit Christus zu beschreiben und auch die Sehnsucht, dass diese Verbindung immer bleibt. 

Mein „AHA-Erlebnis“ hierzu hatte ich vor einigen Wochen, als meine Frau vor den Augen unseres Enkels in ein Stück Zitronenkuchen biss. Da gingen ihm die Augen über. Was ist das nun wieder Leckeres? Eine Süßigkeit mit Zuckerguss. Meine Frau gab ihm ein winziges Stückchen zum Probieren, da ist er vor Überschwang gehüpft und hat geklatscht, und ganz laut „mmmh“ gesummt. Für jeden Werbefilmer wäre diese Szene ein Millionengeschäft gewesen. Seither verstehe ich, welche Emotionen Süßigkeit weckt und was es bedeutet, Süßigkeit im Herzen zu haben. Es ist pures Glück! --- Wenn ich nur dich habe… so formuliert schon der 73. Psalm.

Ihr Text spiegelt auch die Lebenserfahrung der jungen Nonne wider, die Christus in mittelalterlich inniger Herzensfrömmigkeit preist. Stets nach seinem Wort und Heil zu dürsten und zu hungern, erfüllt ihr Leben. Vom Geist geleitet zu wirken in Liebe und Glauben. Das ist jetzt die Botschaft der Zeit. An Erkenntnis zu wachsen, auch das geschieht gerade – und sie als junge Frau darf daran mitwirken. Gut, dass wir ihr Lied bis heute wertachten!

Die Urfassung könnte in niederdeutschem Dialekt gedichtet sein. Dadurch würde die zweite Strophe zu Anfang mit v beginnen. „Vör us en Mensch geborn.“ Da v und u in damaliger Zeit identische Buchstaben waren, ergäbe sich dadurch ein Akrostichon als Kunstform des Gedichtes. Jeder Anfangsbuchstabe einer Strophe ergibt zusammen einen Begriff, worum es im Tiefsten in diesem Lied geht: Nämlich um das Wort „Hulde“ – altes Niederdeutsch für Gnade. 

Alles ist Gottes Gnade, so lobt sie Christus.

Ihr Lied singt von der Kraft eines wiederentdeckten Glaubens und von Ihrer Sicherheit, die sie darin gefunden hat – du regierst von End zu Ende. Es gibt für sie kein anderes Ende einer Geschichte, eines Lebens, einer Notlage, einer Katastrophe, auch des Todes. Christus ist A und O, Anfang und Ende. Ihm soll das Herz immer zugewandt sein. Alle Sinne, Begierden und Gedanken auf ihn gerichtet sein. 

Und so soll der „alte Mensch“ – auch wieder ein biblischer Bezug – geschwächt werden und das Neue, der Aufbruch zum Leben sich durchsetzen. Dies betont Elisabeth Cruciger in der 4. und 5. Strophe. 

Nichts anderes wünsche ich uns für unsere Zeit heute. Die biblischen Schriften sind allesamt gute Wegweiser, hilfreiche Weisungen, tröstende Kraftgedanken und auch Sicherheit. So erlebe ich viele Gespräche in Bibelkreisen. 

Nutzen wir heute mehr denn je diese Hilfe, die wir in den Worten der Bibel finden können. Und singen wir auch immer wieder davon mit den alten Liedern der Reformation, mit den Liedern der weiteren Geschichte und auch mit den neuen Liedern, wie nachher dem Lied 664. 

Jetzt aber wollen wir ein Wunschlied singen, das mehrmals gewählt wurde und das noch einmal die Botschaft des Predigtliedes aufnimmt: Lied 398 von der Freude, dem Glück und der Süße, die wir in der Verbundenheit mit Christus erfahren dürfen. „Wenn wir dich haben, kann uns nichts schaden…“ heißt es dort in der 2. Strophe.

Viel Trost, Kraft und Wegweisung des Glaubens – singen wir davon!

Amen.

Unsere Gemeinde wurde mit dem Grünen Hahn zertifiziert

Nähere Informationen inklusive des Umweltberichtes 2017 und der Predigt von Pfr. Andreas Heitland im Umweltgottesdienst am 11. Februar 2018 finden Sie hier.

Bibelwoche im DBZ

In der zweiten Januarwoche fand unsere Bibelwoche 2018 mit Professor Rainer Kessler zum Thema: "Ethik des Alten Testamentes" statt. Die Predigt, die Prof. Kessler im Abschlussgottesdienst gehalten hat, finden Sie  hier, Nähere Informationen zu den Themen der einzelnen Abende auf dem Flyer zur Bibelwoche 2018.  

Kunstausstellung im DBZ - Textiles von Wolfgang Stracke

Das Herstellen von Textilem ist dem Menschen seit altersher ein ursächliches Bedürfnis. Die Technik, einen Faden zu spinnen und zu einem Gewebe zu vereinen, ist uraltes Handwerk. Die Arbeiten von Wolfgang Stracke – es sind Antependien, Applikationsstickereien, Webereien und Patchworkarbeiten – erhalten ihren spezifischen Ausdruck durch die sensible Materialauswahl, durch den Kontrast der unterschiedlichen Webarten und durch das Nebeneinander der Materialfarben.

Während das gemalte Bild grundsätzlich illusionistischen Charakter hat, ist das textile Wandbild greifbar im Raum. Das Material eines textilen Wandbildes verlangt nach Sinnbedürfnis in sich selbst und nicht in seiner Illusion.

Die Ausstellung ist bis März in den Räumen der Ev. Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde zu sehen.

Öffnungszeiten: Mo. 10-12 Uhr, Mi. 11-13 Uhr, Do. 16-18 Uhr, Fr. 10-12 Uhr und So. nach dem Gottesdienst (11.30 Uhr).

Die Ausstellung wird am 19. November um 11.30 Uhr eröffnet.

Predigtreihe 2017 zu Martin Luther in der Matthäuskirche

In diesem Sommer gab es in der Matthäuskirche sonntags um 10.30 Uhr eine Predigtreihe über Martin Luther. Wie in den vergangenen Jahren finden Sie die gehaltenen Predigten hier: 

30.07. "Luther und die Bibel" Pfarrer Andreas Heitland

06.08. "Luther und die Frauen der Reformation" Pfarrer Ulrich Wehmann

13.08. "Luther und die Juden" Pfarrer Andreas Smidt-Schellong

20.08. "Luther und die 95 Thesen" Pfarrer Gerhard Sternberg

 

 

 

Bibelwoche 2017: Gewalt in Gott? Über den Umgang mit heiligen Schriften.

Vom 4. bis 8. Januar fand unsere Bibelwoche 2017 statt. Nähere Informationen finden Sie  auf unserem Flyer und im Rückblick, die Predigt vom Abschlussgottesdienst der Bibelwoche finden sie hier.

Predigtreihe 2016 zu Liedern der Reformation

Mit Ausblick auf das „Jubiläum 500 Jahre Reformation“ haben wir in diesem Sommer  der wohl nachhaltigsten „Erfindung“ der Reformation unsere Predigtreihe gewidmet, dem Gemeindegesang.

Nähere Informationen,die Themen der einzelnen Gottesdienste und die Predigten finden Sie hier

Predigtreihe 2015 zu Dietrich Bonhoeffer

Die Predigten zu unserer Predigtreihe zu Dietrich Bonhoeffer finden Sie unter Gottesdienste, Predigtreihe 2015 Dietrich Bonhoeffer

Gründung der Umweltgruppe Grüner Hahn

Es werden noch Interessierte zur Mitarbeit gesucht. Nähere Informationen finden Sie unter dem Reiter "Gruppen - Umweltgruppe Grüner Hahn" oder durch Klick auf den grünen Hahn.

Predigtreihe 2014

Unter dem Titel "Die Zukunft ist sein Land" fand in den Sommerferien 2014 vom 20.7. bis 10.8. wieder eine Predigtreihe in der Matthäuskirche statt. Nähere Infos und die gehaltenen Predigten finden Sie hier.

Die Predigten unsere Predigtreihe 2013: Jona

Die Predigten unserer Predigtreihe zum Buch Jona finden Sie ab sofort  unter Gottesdienste: Predigtreihe 2013.  

Predigtreihe Psalmen 2012

Unter Gottesdienste / Predigtreihe Psalmen finden Sie die Predigten unserer Predigtreihe in den Sommerferien 2012.